Der Guerrigliero

Wir trafen ihn des Nachts Anfang Juni in Barquisimeto: Pablo Hernadez ist sicher die umstrittenste Person unserer Reise. Er ist hochinteressant, schnell, scharfsinnig und sehr klar in seinen Aussagen. Am Tag unseres Treffens hatte er gerade ein Buch fertiggestellt, nach dessen Veroeffentlichung er wohl besser nach Italien emigrieren sollte, scherzt er. Mit Mitteln der Menschenrechtsorganisation Provea und der EU finanziert, geht es auch hier, wie um Korruption der Behoerden in Lara. Mitte August veröffentlicht, heisst es „Impunidad y Poder: Historia de las violaciones a lo DDHH en Lara (2000-2011)“. Es kann kostenlos heruntergeladen werden. Ein ganzes Kapitel ist auch Victor Martinez gewidmet, siehe mein Beitrag „Der Revoluzzer“.

Pablo redet schnell, er hat Fakten und Zahlen im Kopf, er zählt die Gewinne aus de Öl auf. Das Öl bestimmt hier alles. Das Leben, die Politik. aber nicht nur hier, weltweit, so Pablo. Es gibt ein magisches Dreieck, in das auch die Banken aus USA verstrickt sind: Veneuzela verkauft Öl an USA. Russland verkauft Öl an China. Doch von den 400 Millionen Barrels kommen nur 110 Mio an. Wo ist der Rest hin? Auf den internationalen Märkten. Die venezoelanische Erdölgesellschaft PDVSA verkauft nur für 1 Mio US $ Öl, nimmt aber 200 Mio US $ ein – woher kommen dann die anderen 199? Cuba, Russland, China, alles Steuerparadiese. Alles ist ein Nummernspiel, sagt er uns und rechnet so schnell vor, dass mir ganz schwindlig wird. Klar, dass er in Venezuela als Experte für das Thema Erdöl bekannt ist und immer wieder zum Thema schreibt, zum Beispiel hier.

Das Erdöl, Drogen und das grosse Finanzkapital regieren die Welt und auch Venezuela. Pablo vermutet, alles hier, auch Chavez, könnte von den USA gelenkt sein. Er zitiert einen US Amerikanischen Kolonell, der 1992 bereits behauptet hätte, Chavez wäre ein Spion, ein Agent der USA. Mir wird erneut schwindlig.

Wir wechseln das Thema: der Staat als Versorger. Der grösste Arbeitgeber in Venezuela ist der Staat, es gibt 2.5 Mio Beamte in Venezuela. (Zur Erinnerung: die Gesamtbevölkerung liegt bei etwas unter 30 Mio). Davon sind 140.000 Poliziesten, die Militärs kommen noch oben drauf, der Rest arbeitet in Vewaltung, Gesundheit und Bildung. 100.000 arbeiten in der Erdölindustrie. Der „Estado Benefactor“, der Versorgerstaat ist jedoch nichts neues. Schon unter Perez Jimenez, von 1959 bis 1975 wurde die Bevölkerung mit kostenlosen Gesundheits und Bildungssystemen verwöhnt. Es hätten sich überall „Erdölparasiten“ eingenistet, nach dem Motto „gebt mir nichts, sondern bringt mich dorthin, wo es etwas gibt“. Parasiten – gerade auch der Mittelstand in Venezuela, so Pablo. Doch es sei gerade die Linke, die in Venezuela den Staat ausnutzt wie nirgends sonstwo.

Es gibt jedoch auch Personen und kleinere Gruppierungen von authentischen Linken. Umweltschützer, Urbanisten, die daran glauben, dass es möglich ist, eine friedliche Transformation der Gesellschaft zu erschaffen. Pablo glaubt auch, dass Chavez insgesamt das System verändert hat und dies nicht mehr umkehrbar ist. Auch ein Capriles könnte das Rad nicht zurückdrehen, sollte er die Wahlen im Oktober gewinnen. Chavez‘ grösster Verdienst laut Pablo ist, die Ausgeschlossenen mobilisiert zu haben. Wenn Chavez die Wahlen verliert, dann gibt es eine „Übergangsregierung“, so die Vorhersage von Pablo, und dann entwickelt sich eine Situation wie in Bolivien oder Ecuador: Misere, Arbeitslosigkeit. Dann kommen die Chavistas nach 4 Jahren als Helden und Retter zurück.

Ein wachsendes Problem ist die Straflosigkeit.  Gerade die Sicherheitsbehörden sind sehr korrupt. Nachgewiesenermassen begehen 20 % der Polizisten Straftaten, das sind 28.000. Da diese immer 3-4 Komplizen haben, kann man davon ausgehen, dass ca. 80.000 Polizisten kriminell sind!  (Die Erfahrung hatten wir ja gerade selbst gemacht, siehe Eintrag „Polizeipiraten„).

Warum diese zugenommen hat? Weil Chavez die Judicative und die Legeslative kontrolliert: die Justiz und das Parlament. Ein Beispiel: im November 1995 gab es im Staate Lara und Bolivar zwei Militärbanden, die mit 3000 (!) kg Kokain  erwischt wurden. Diese sind jedoch nie verhaftet worden. Chavez lässt die kriminellen Militärs und Polizisten machen, was sie wollen, denn so hat er sie in der Hand und kann sie kontrollieren.

Und so sind wir wieder beim Thema seines Buches angekommen, „Straflosigkeit und Macht“, hier das Deckblatt. Knapp 500 Seiten Zündstoff…