El Sistema

Corora ist eine heisse Stadt mit einer sehr schoenen Altstadt im Kolonialstiel. Wir geniessen den Plaza Bolivar und schauen das „gelbe Haus“ an. Dort lernen wir den Bibliothekar Jesus kennen, der uns unter einem riesigen Mangobaum   erklaert, dass die Venezoelanische Gesellschaft nicht reif ist, um die Ideen von Chavez zu verstehen. Die gute Idee der Gemeinderaete in den Barrios, die eine Art kleine Regierung des Quartiers darstellen werden von den Leuten meist nur ausgenutzt. Es fehlt der Sinn des gemeinsam etwas Erschaffens, es fehlt die Bildung, die Ethik.Was sollen 11 jaehrige Muetter Ihren Kindern auch schon beibringen? (Venezuela hat eine der hoechsten Raten an Kinder-Muettern). Der Venezoelaner ist daran gewoehnt, unterstuetzt zu werden. Klar gewinnt Chavez die Wahlen, wenn nicht, wird die von ihm initiierte „Revolution“ (Die „Misiones“) scheitern, denn das Volk liebt ihn, Hugo, und misstraut den anderen Regierungsmitgliedern. Jesus nennt die Revolution in Anfuehrungszeichen, denn seiner Meinung nach ist die Politik von Hugo Chavez die Kontinuation der vorherigen Praesidenten und stellt keinen Bruch dar. Er selbst liebt den europaeischen Fussball der 80er Jahre. Es fehlt den Venezoelaner an Kultur, leider.
Obwohl sie gerade in Carora stolz auf ihren Beitrag zur Kultur sind: das erste Kinderorchester Venezuelas stamme aus Carora, gleich um die Ecke, erzaehlt uns Jesus. Diese Chance lassen wir uns nicht entgehen und wir stapfen tapfer durch die Hitze bis zur „Casa de la Cultura“ und treffen dort auf Luis Jose Riera, genannt „Chispa“.Er erklaert uns „El Sistema“ – anders als sonstwo ist der Musiker nicht der Protagonist, sondern die Gruppe und „das System“. Die Idee dahinter war urspruenglich, gerade die Kinder aus einfachen Verhaeltnissen von der Strasse in die Kulturzentren zu holen. Jeder bekommt gratis ein Instrument wenn er uebt und mitspielt. Inzwischen ist aus dem Sozialprojekt zusaetzlich ein Musikprojekt geworden. In Deutschland sind die Kinder und Jugendorchester durch Filme ueber den heutigen Dirigenten Gustavo Dudamel bekannt geworden, der auch schon die Berliner Symphonie dirigiert hat. Als Vater des „Systems“ gilt allein Antonio Abreu. Und das aergert Luis. Auch dass Carora und ihr Kinderorchester in keinem der Filem erwaehnt wird. Das empfindet er, der 1975 mit nur 9 Jahren dem Orchester beigetreten ist, als ungerecht.Denn der eigentliche Ursprung war hier, in Carora, in der Naehe von Barquisimeto. Der Chilene Sergio Miranda hatte in Chile in La Serena das erste soziale Kinderorchesterprojekt gegruendet. Als am 11. September (1973) der Putsch gegen Allende den Diktator Pinochet an die Macht bringt, verlaesst er Chile und kommt mit seiner Idee in der Tasche nach Venezuela. Dort hatte Juan Martinez 1965 das erste Kulturzentrum (Casa de la Cultura) gegruendet. Um die Idee von Sergio Miranda zu realisieren, gelingt es Juan Martinez, ein paar Erwachsene Musikbegeisterte zusammenzusammeln und mit diesen Konzerte zu veranstalten, um die Kunden zu begeistern und geld fuer das Projekt zu sammeln. So gruende sie 1974 das erste Kinderorchester in Venezuela, gleichzeitig das erste Orchester ausserhalb der Hauptstadt, wo sich sonst alle kulturellen Aktivitaeten Venezuelas konzentrieren. Sie geben 1975 Ihr erstes Konzert in Caracas (wie haben die Zeitungsartikel von damals gesehen), und Luis Chispa Riera ist dabei! Er ist neun Jahre alt und unglaublich aufgeregt und stolz. Jose ist auch heute noch ein Hansdampf auf allen Instrumenten, ein Mann, dem das Gleuck aus den Augen sprueht sowie er ein Instrument beruehrt. Nicht umsonst hat er den Spitznamen „Chispa“, was soviel wie „Pfeffer“ oder „Feuer“ bedeutet.   Antonio Abreu erfaehrt von dem Konzert und kommt gleich im Anschluss nach Carora, macht aus dem Einzelfall 1976 dann das beruehmte „System“, das inzwischen ueberall in ganz Venezuela existiert un dem der juengste Dirigent Gustavo Dudamel entsprungen ist.Und dann zeigt er uns die Musikschule. Zuerst die kleinen Zimmer, in denen alleine oder mit 2-3 anderen Kinden geuebt wird.   Aber schon bald das Herz der Schule, das Orchester. Heute, am Mittwoch, sind wenige Kinder da – nur halb soviele wie sonst. Als wir eintreten und er uns als Gaeste aus Italien und Deutschland ankuendigt spielen Sie die „Ode an die Freude“. Immer wieder, zweimal, dreimal, fuer uns. Ich bin bewegt. Die Atmosphaere ist magisch, der Eindruck stark. Es klingt teilweisefurchtbar schraeg, die musikalischen Ohren des Dirigenten muessen geduldig sein, aber das was man hoert ist umwerfend! Ich kann mir vorstellen, das die Kinder begeistern sind von diesem System: anstatt langweiligen Einzelunterricht und hin und wieder ein Konzert der Musikschule fuer Mami und Papi ist der Effekt hier, als Einzelner zu etwas Ganzem, etwas Grossem beizutragen, wichtig zu sein fuer die Gruppe. Toll!
Am Schluss fuehrt er uns dann zu den ganz kleinen – eine Art Kindergarten, in dem schon fuer die Musik und das Team begeistert wird. Das hier ist der Nachwuchs des Kinderorchesters. 🙂