Der Soziologe

Wir treffen uns mit Nelson Freitez in Barquisimeto. Er ist Teil der 350 MitarbeiterInnen starken Kooperative Cecosesola. Cecosesola (Central Cooperativa de Servicios Sociales Lara) wurde 1967 als Dachkooperative mehrerer Landkooperativen aus dem Bundesstaat Lara und einiger Stadtteilgruppen aus der Großstadt Barquisimeto gegründet. Heute umfasst Cecosesola 85 basisdemokratische Kooperativen und Vereine. Insgesamt hat Cecosesola mehr als 2000 Mitglieder, die einen wöchentlichen Vorschuss auf den gemeinsam erwirtschafteten Gewinn erhalten. Es gibt auch einen deutschen Ableger dieser Kooperative und sie „touren“ gerade durch Deutschland, bis 6. Juni noch.

Wir befragen Nelson zur Gesellschaft in Venezuela. Er holt weit aus und berichtet, dass Venezuela schon seit den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts eine „Rendite-Gesellschaft“ ist und damit meint er, dass die Einnahmen des Landes nicht einer eigenen Leistung und Produktion entstammen, sondern vom Oelreichtum kommen. Die Wahrnehmung der Bevoelkerung ist: wir sind sehr reicht, aber dieser Reichtum ist ungerecht verteilt. Die Redistibutionspolitik der Regierung(en) entsprach nie den Konsumerwartungen der Venezoelaner und seit den 80ger Jahren gab es immer wieder Proteste. Ein erster Hoehepunkt dieser Proteste fand 1989 statt, im sogenannten „Caracazo“, eine Art Volksaufstand, bei dem es zu Massenpluenderungen und vielen Toten kam.

Doch dieser Protest hat sich nie in eine Buergerbewegung oder eine strake Gewerkschaft gewandelt. Es gaert und sprudelt sehr viel, es gibt viel Bewegung und Unruhe, aber nur wenig Artikulation derselben.  Hugo Chavez raepreesentiert diese Bewegung und gibt ihr eine Form. Die von ihm gewaehlte Form ist die Konfrontation, der Konflikt, die Ueertreibung, der Bipolarismus. Er stimuliert die Wahrnehmung der Klassenunterschiede. Und er begiebt sich auf die Flaeche des „Milliarden Dollar Tanzes“.

Hugo Chavez verteilt die Oeleinkommen unter den Armen und erzielt so die Unterstuetzung von Millionen Menschen, die in einfachsten Verhaeltnissen leben, in Barrios wie Petare. Und er hat das politische System veraendert: er hat die Macht staerk in den Haenden einer militaerisch-zivilen Elite zentralisiert und das zuletzt foederale Modell verbogen.  Nelson nennt das so: „Die Partei und die Regierung haben den Staat besetzt“, zwar nicht formal, aber de facto.

Seit Hugo Chavez an die Macht gekommen ist vor 13 Jahren, wurden viele Kooperativen und „Misiones“ ins Leben gerufen und bestehende, wie die seine ermutigt. Diese basisdemokratische Organisationen artikulieren zum ersten Mal Themen, die vorher unstrukturiert in Form von Protesten vorgebracht wurden; doch der Frust wieder wenn diese an die „glaeserne Decke“ der obengenannten Elite stossen.

Die (politische) Kultur der venezoelanischen Gesellschaft beschreibt er so: man moechte die eigenen Rechte gewahrt und respektiert wissen, ist aber selbst nicht bereit, Regeln einzuhalten. Man ist immer wieder optimistisch, dabei wenig selbstkritisch und kaum lernfaehig. Die oeffentliche Debatte hat keine Tradition und es fehlt an Ethik. Der Grund liegt in dem Widerspruch zwischen dem, was produziert wird und dem was empfangen wird. Wie lebt man, ohne zu arbeiten? Ein toller Hecht ist, wer schnell reich wird mit moeglichst wenig Aufwand. Es wird noch 20-30 Jahre dauern, bis sich das aendert und vielleicht aendert sich das auch nie, denn die Venezoelaner haben das „Groessenwahn-Gen“ ins sich. 🙂

Aus diesem Grund glaubt er nicht, dass sich viel aendert nach den Wahlen im Oktober, selbst im Falle, dass Chavez verliert, denn letztendlich ist es ein schwacher Staat mit schwachen Institutionen. Jeder Praesident  – und hier unterscheidet sich Chavez nicht von seinen Vorgaengern – verteilt das Einkommen des Oels eben an „seine Buerger“.  Bei Chavez sind das die bisher Missachteten, die Armen.

Ob die Gewalt und Kriminalitaet auch prozentual oder nur absolut zugenommen hat (die Bevoelkerung hat sich seit unserem Besuch 1995 fast verdoppelt)?, fragen wir ihn. Die Gewalt hat in jeder Hinsicht zugenommen: sowohl statistisch (absolut und prozentual), als auch in der Intensitaet: heute begegnet man seinem Nachbarn mit einer Schusswaffe. 1980 gab es 18 Tote pro 1000 Einwohner, heute gibt es 48 Tote pro Tausend Einwohner. Nach Honduras und Guatemala ist Venezuela damit auf Platz drei weltweit. Waffen haben an Wert innerhalb der Gesellschaft zugelegt, vielen Menschen besitzen eine Waffe. (By the way – es laueft gerade ein Projekt „Waffenzensus“: die Regierung versucht herauszufinden, wer alles eine Waffe besitzt, die eigenen Polizie und sonstigen Sicherheitskraefte eingeschlossen). Die Wuerde, die Chavez den Armen in den Barrios durch seine Projekte versucht zu geben, versuchen sich viele bisher Missachtete, mit Waffen zu holen. Der coolste ist der, der das staerkste Motorrad, die teuerste Uhr, den neusten Blackberry, die schoenste Frau und die gefaehrlichste Waffe hat.

Zum Schluss befragen wir ihn noch, wie er die Gefahr eines Buergerkriegs einschaetzt, sollte Chavez die Wahlen verlieren? Zum Glueck sei die Mehrheit der Buerger gegen Gewalt und sieht einen Buergerkrieg nicht als Loesung der Probleme. Dennoch wuessten wir als Politologen ja, dass jedem Buergerkrieg verbale Aggressionen vorangehen und diese, sowie die Bipolarisierung, haben sich  unter Chavez verstaerkt. So herrscht an Weihnachten in den Familien oft eine Art Waffenruhe und man spricht ueber anderes…