Chacao

Chacao ist das Little Italy von Caracas. Hierher kamen die aus Italien in den fuenfzigern eingewanderten Italiener. So auch Antonios Vater. Er war als Schuster in einer kleinen Schuhfabrik angestellt. Hatte einen tollen Job: immer wenn den Damen die Einzelanfertigungen ausgeliefert wurden, war er es, der vor ihnen kniete und das neue Stueck ueber die zarten Fuesse streifte. Wir suchen heute am Tag zwei der Reise Signor Palumbo, den Bruder des Besitzers der Fabrik. Antonio erinnert sich ungefaher, wo der Laden war. Wir fragen uns durch, bei einem anderen Schuster. Rothaarig. Baertig. Ja, er kenne ihn. Nein, den Laden gibt es nicht mehr. Aber einen Freund von Palumbo, Castro, den gibt es noch, dort sollen wir fragen. Eine Strasse weiter. Wir finden Castro. Er sagt, Palumbo sei gerade in Italien. Castro ist Portugiese, hat drei Toechter und einen Papier-Laden. Klopapier, Papierbecher, Papierteller. Nein, er war schon lange nicht mehr in Europa. Warum auch. Er kenne niemanden mehr dort. Und nach zwei Wochen fuehle er sich unwohl, fehl am Platze. Hier sei sein zu Hause. Es sei schwieriger geworden site ein paar Jahren, alles viel  teurer. Viel mehr Menschen. Sie vermehren sich wie die Karnikel. Und dann die Flut an Einwanderern! Nicht die aus Europa, sondern aus den anderen suedamerikanischen Laendern. Sagt er, ein Einwanderer. Er und sein Freund Jose Luis, der Fernseher und Zubehoer verkauft und mit uns einen Espresso trinken geht

Auf dem Rueckweg freue ich mich zum ersten Mal, dass mich andere Menschen immer wieder fuer schwanger halten: es wird mir Platz gemacht in der Metro, denn Schwangere sind wie Behinderte bevorzugt zu behandeln und ich nehme diesmal dankend an: die Metro ist brechend voll, teilweise fahren Zuege vorbei, da eh keiner mehr reinpasst und drinnen, drinnen ist es so, wie man sich das Leben einer Oelsardine vorstellt: eng, Leib an Leib und glitschig, denn draussen ist es heiss, mehr als dreissig Grad. Die Fahrt von Chacao, was im Zentrum liegt, zu unserem Viertel Montalban dauert mit Metro und Metrobus eineinhalb Stunden, zweimal umsteigen inbegriffen.