Der überlebende Maler

Mit versteinertem Gesicht sagt er, er sei kein schlechter Mensch. Er habe niemals vorher und hinterher jemandem etwas zu leide getan. Er sei freundlich und gut zu den Menschen. Man habe ihn indoktriniert, sagt seine Mutter, die auf die achtzig zugeht. Sie sitzt neben ihrem Sohn in kleinen Holzhütte, die Beine übekreuz sitzt sie aufrecht da, er ist an die Wand gelehnt. Man habe ihrem Sohn den Kopf gewaschen. Er habe nicht gefragt, einfach nur gehorcht. Ja, ich hatte Angst, furchtbare Angst, dass auch ich getötet werde, gesteht er. Auch in bin ein Opfer dieses Regimes. Wenn ein Gefangener an der Folter starb, wurde der Folterer erschossen. Denn man wollte Geständnisse. Ich wollte niemandem wehtun. Ich war jung damals, habe nicht viel nachgedacht. Ich bin kein schlechter Mensch. Ich wollte einfach nur überleben. Gefühlt habe ich wenig, mir wurde gesagt, die Organisation hat diese Menschen verhaftet, weil sie Staatsfeinde sind. Staatsfeinde haben den Tod verdient. Die Organisation hat immer recht. Das sind keine Menschen. Wir haben sie wie Tiere behandelt.

Szenenwechsel zum Innenhof von Tuol Sleng.

Sie gehen zusammen zum ersten Mal seit Jahrzehnten in das S-21 zurück. „Toul Sleng“, wie die heutige Gedenkstätte in Phnom Penh auch genannt wird war einst eines von vielen Foltergefängnissen im Lande. Man sagt, das hier war die Zentrale aller Foltergefängnisse der Roten Khmer. Vann Nath hat schlehweisse Haare und ein gütiges Gesicht. Chum Mey viel Platz für ein faltiges Gesicht mit großen wässrigen Augen und einem flehenden Blick. Er weint. Seine Schultern zittern. Vann umarmt ihn, führt ihn langsam herum, wirkt gefasster, vielleicht ist er nicht zum ersten Mal hier. Vann und Chum sind zwei von weniger als einem dutzend Überlebender dieses Gefängnisses. Ihr Können hat Ihnen das Leben gerettet. Vann musste Pol Pot malen. Stundenlang. Chum hingegen konnte Schreibmaschinen reparieren. Deshalb haben sie überlebt.

Sie treffen sich hier mit ehemaligen Wärtern. Diese freuen sich über ein Wiedersehen. Vann Nath fragt sie, wie sie sich damals gefühlt haben. Die Wächter beschreiben sich selbst als Opfer, die keine andere Wahl gehabt hätten, als mitzumachen. Befehlsverweigerung wäre als Verrat an Angkar, an „der Organisation“ wie sich die Partei nannte, verurteilt wurde. Sie wären sonst selbst getötet worden. Wenn sie Opfer seien, welche Bezeichnung haben sie denn dann für die Gefolterten und Getöteten, fragt Vann? Das seien indirekte Opfer, meint ein Wächter. Sozusagen Opfer der Opfer. Einer der Wächter stellt nun nach, wie sie die Gefangenen herumkommandierten: tagsüber mit den Füssen an eine Eisenstange gekettet, immer stehend, nachts Körper an Körper auf Betten aus Eisen liegend, pro Bett mehrere Personen. Die Notdurft wurde in einem Munitionsbehälter verrichtet. Zu essen gab es wenig, Konflikt unter den Gefangenen wurde geschürt, in dem man sie die Wasserration teilen lies. Man schwitzt permanent in Phnom Penh. Auch wenn man dort geboren ist. Es ist heiss.

Wurde ein Gefangener zum Verhör geholt, rief der Wärter dessen Nummer. Denn mit Eintritt in S-21 legte man nicht nur die Kleidung, sondern auch den eigenen Namen und damit die Identität ab. Es gab nur noch Nummern. Beim Verhört wurde gefoltert, um Geständnisse von „Sabotage“ und „Staatsverrat“ zu gestehen und andere zu verraten Im Schnitt nannte jeder ca. 50 andere Namen, bis ihm niemand mehr einfiel. Hatte man alles gesagt was einem einfiel, wurde man abtransportiert, zu den „Killing Fields“ und dort getötet.

Nur Vann Nath und Chum Met nicht, denn der eine konnte Pol Pot malen, der andere  die Schreibmaschine des „Brunder Nummer 1“ warten. Inzwischen ist Vann Nath verstorben. Chum Mey lebt noch. Er verkauft heute in Tuol Sleng seine Bücher und schaut einen aus seinen wässrigen Augen an. Ein Blick, der noch immer die Grundunsicherheit zeigt, die dieses Land bis heute prägt.