Der Revoluzzer

Victor Martinez empfaengt uns um sieben Uhr Abends bei sich zu Hause. Er kocht uns eine Kaffee, einen Filterkaffee wie in Deutschland. Als ob er ahnte, dass wir fuenf Stunden bleiben wuerden…

Victor Martinez kommt aus einfachten Verhaeltnissen und ist ein Autodidakt. Fuer die Arbeiterklasse gab es nicht viel Bildungsmoeglichkeiten. Eigentlich kommt er aus der katholischen Jugend der sechziger Jahre. Doch er war schon immer ein Revoluzzer. Hat sich fuer Che Guevara begeistert. Hat keine Autoritaeten akzeptiert. Hat es bei der Feuerwehr nur ausgehalten, weil er dort etwas Sinnvolles tun konnte. Ist in die Gewerkschaft eingetregen und wurde schnell einer Ihrer Anfuehrer.  Er sagt von sich, ich bin ein typischer Llanero, wie Chavez auch, ein Rebell und ein grosser Improvisateur. Er glaubt nicht, dass man in Venezuela Veraenderungen durch Wahlen herbeifuehren kann, er glaubt an Gewalt, an einen Putsch.

Seit Anfang 1991 gibt es Geruechte, dass ein Militaerputsch stattfinden koennte. COMACATE, eine Geheimorganisation des Militaers hat sich konstitutiert, hat Kontakte zur FARC. Der Vater des heutigen Ministers fuer Kommunikation befindet diese jedoch zu radikal und gruendet in Barquisimeto eine „Allianza Revoucionaria de Movimentos Sociales“ (ARMAS). Ebenfalls eine Geheimorganisation der Armee. Den Kontakt zu Victor vermitteln die Priester. Doch wahrend diese noch diskutieren, ob die Militaers nicht zu rechts sind, putscht Hugo Chavez am 4. Februar 1992. Victor sieht am Morgen danach im Fernsehen, wie Chavez nach dem gescheiterten Putschversuch den Kameras sagt: Ich uebernehme die Verantwortung. Das beeindruckt ihn zu tiefst, da in diesem Lande noch nie jemand die Verantwortung fuer etwas uebernommen hatte.

Victor wird ein feuriger Anhaenger von Chavez. Fuer die Vorbereitung eines weiteren Putschversuches nimmt er eine Hypothek auf sein Haus auf, sehr zum Missfallen seiner Frau. Er kauft „Material“, lehrt 30-40 Personen wie man Molotiv-Cocktails und Radios baut, lehrt Stadt-Guerrilla-Taktik. Doch auch der zweite Putschversuch Ende 1992 scheitert. Viktor wird verhaftet, gefoltert (Hoden, Schlaege auf den Kopf) und nach wenigen Monaten wieder freigelassen. Er ist einer der Gruender des „Movimento Revolucionario Bolivariano“ von Barquisimeto und beherbergt sowohl Hugo Chavez, also auch einen anderen Politiker und damaligen Mitstreiter Reyes Reyes mehrfach in seinem kleinen Hause. Doch der Revoluzzer in ihm laesst ihn auch Chavez kritisieren. Seine groesster Vorwurf: es gibt keine Linie, kein Programm, Chavea selbst ist das Programm und das reicht nicht. Es kommt zum Zerwuerfnis, er wird ausgeschlossen.

Doch er ist beliebt und 2000 wird er als parteiloser fuer 4 Jahre ins Parlament gewaehlt. Nachdem er beim Putschversuch gegen Chavez 2002 zu diesem haelt, wird er wieder von Chavez aufgenommen. Doch er hoert nicht auf zu rebellieren, er kritisiert erneut. Diesmal die Korruption von Justiz und Polizei. Er klagt die Regierung an. Chavez verbannt ihn erneut. Diesmal endgueltig. Man isoliert ihn. Alte Parteifreunde distanzieren sich. Er wird 2004 fuer weitere 4 Jahre gewaehlt und arbeitet weiter daran, die lokale und regionale Korruption und die Verbindungen zum Drogenhandel aufzudecken und gegen Straflosigkeit zu kaempfen. Gegen Reyes Reyes. Der ist inzwischen Gouverneur vom Bundesland Lara (Hauptstadt Barquisimento) und verantwortet die Vergehen des Staates gegen seine Buerger. Reyes Reyes ist zusammen mit dem General Rodriguez Figuera verstrickt mit dem Cartel de Miraflores und dieses bedroht 2008 Victor zum ersten Mal des Todes. Weitere Drohungen folgen. Amnesty International appelliert in einer „Urgent Action“ an die verantwortlichen Behörden des Staates Lara.

 

Am 26. November 2011, es ist Abends und schon dunkel, Viktors Sohn geht nach draussen zum Auto. Seine Mutter sieht, wie er ploetzlich mit den Haenden in den Hosentaschen langsam rueckwaerts geht. Gleichzeitig sieht sie, wie ein Mann ebenfalls langsam rueckwarts geht, bis sie die Position vor der Tuer von Viktors Haus erreicht haben. Dann schiesst der Mann, zwei Mal. Mijail stirbt mit nur 24 Jahren weil sein Vater gegen die Maechtigen rebelliert. Die Inszenierung der Toetung ist ein klares Zeichen, sie gleicht einer Hinrichtung. Deshalb glaubt Victor auch nicht an die Schuld des dann verhafteten jungen Mannes aus armen Verhaeltnissen.

 

Er klagt an. Er sucht den Auftraggeber. Er setzt Gott und die Welt in Bewegung, blogged und erstellt ein Video. Das ganze Viertel haelt zu ihm.  Er sammelt Beweise, er findet die Taeter. Seither versucht er vor dem Gericht Recht gesprochen zu bekommen.  Im Maerz 2011 findet ein weiteres Attentat statt, diesmal auf ihn. Viktor beschuldigt Reyes Reyes dafuer verantwortlich zu sein. Am 23. Januar diesen Jahres (2012) erfolgt ein dritter Mordversuch. Er klagt oeffentlich an, in einem Zeitungsinterview. Er weiss, einen dritten Versuch wird es geben, aber er hat keine Angst.

Was gibt es Schlimmeres, als seinen Sohn zu verlieren, sagt er, der eigene Tod kann schlimmer nicht sein.

 

Nachtrag: in diesem am 28. Mai in der Tageszeitung von Barquisimeto veröffentlicheten Artikel hat Victor Martinez öffentlich dazu aufgerufen, gegen die Straflosigkeit und damit gegen Chavez zu stimmen. debemos-votar-contra-la-impunidad.pdf