Fendika Club

Fendika Club

Am ersten Wochenende meines Aufenthalts in Addis Abeba wurde ich mittags von sardischen Freunden zu einer großen Geburtstagsfeier im „Fendika Club“ mitgenommen. Es gab zu essen und zu trinken und es wurde getanzt, Geschenke überreicht und auch für die „Scuolina di Yeka Forest“ Geld gesammelt. Dazu an anderer Stelle mehr. Der Großteil der Veranstaltung fand im Freien statt, es waren vor allem Lehrer der italienischen Schule in Addis Abeba und deren Partner da, aber auch andere Italiener, wie zum Beispiel Geschäftsleute und Studenten oder auch ehemalige äthiopische Abiturienten der italienischen Schule. Im hinteren Teil des Fendika Clubs gibt es einen kleinen Ausstellungsraum, in dem eine Ausstellendes Künstlers Tamerat Siltan zu sehen war. Er kreiert Bäume oder Rinden von Bäumen in einem Land, in dem es keine Bäume mehr gibt.

Es war eine schöne Feier. Dabei habe ich auch Melaku Belay kennengelernt, den Gründer des Clubs, der mir als Tänzer traditioneller Tänze vorgestellt wurde. Er warb dafür, ich möge am kommenden Freitag doch abends zu einem Konzert kommen und ich versprach das zu tun.

Die ganze Woche über habe ich vergeblich versucht, Begleitung zu finden und so beschloß ich, alleine in den Fendika Club zu gehen, zu groß war meine Neugier auf Jazz aus Ethiopien. Der Fenika Club lag nicht weit von meinem Hotel, ungefähr eineinhalb Kilometer, doch nach Einbruch der Dunkelheit geht man hier nicht zu Fuß – eher weil man auf den dunklen Straßen ohne Gehwege droht, zu stolpern oder überfahren als ausgeraubt zu werden. Also begab ich mich auf die Suche nach einem vertrauenswürdigen Fahrer. Diese Suche hat ein großartiges Ende:

Million hatte abgesagt, er habe zu tun (vielleicht war ihm die Fahrt zu kurz?), ein anderer Fahrer sagte zuerst zu, rief aber kurz vorher an ein Reifen wäre geplatzt. So wandte ich mich an den Flughafenshuttleservice des Hotels. Der rief einen Fahrer und begleitete mich nach draussen, wo er dem Fahrer versuchte, die Lage des Clubs zu erklären. Dieser verstand nicht. Zweiter Versuch. Immer noch war dem Fahrer unklar, wohin er musste, da er wohl nur die Strecke zum Flughafen kannte. Da wurde es dem Hotelangestellten zu dumm: er befahl dem Fahrer auszusteigen, setzte sich selbst ans Steuer und fuhr mich – den verdutzten Fahrer zurücklassend – selbst in den Club, aus dem er mich zwei Stunden später auch wieder abholte! Das fand ich mal eine pragmatische Lösung!

Einmal angekommen fand ich eine sehr gemütliche Atmosphäre in dem kleinen Raum mit tiefer Decke und Teppichbehangenen Wänden. Man saß auf kleinen Holzstühlen, neben mir zwei junge Frauen, eine davon wohl eine Bekannte von Melaku Belay. Als ich eintraf begrüßte mich Melaku, der Musik „auflegte“ – zum einen mit echten alten Vinylplatten, zum anderen mit einem MacBook. Dabei konnte man klar sehen, Melaku macht nicht Musik, er lebt Musik: sein ganzer Körper wippte, zitterte, wogte, er schlug mit den Händen auf seine Schenkel, den Tisch, die Bank auf der er saß. Ein Spektakel! Das anschliessenden Konzert war ganz in der tradition des Ethio-Jazz, einer Fusion aus traditioneller Äthiopischer Musik und dem Jazz der 1970siebziger Jahre.  Wunderschön.

Hier geht es zur im Anschluss von mir erstellen Ethio-Jazz-Playlist, und hier zu Playlist mit afrikanischer Musik aus mehreren Ländern.

Fußball und Rapper Battle

Weil’s so schoen ist sind wir noch einen zweiten Tag in Merida geblieben. Morgens super gut gefruehstueckt, Arepas, Ei, Schinken, Marmelade, gestostete Semmeln, Honig aus der Region und Kaese. In der besten Posada Venezuelas! Posada Casa Sol.

Dann in die Waescherei und zum Schneider. Anschliessend zum Markt gefahren und dann um eins Fussball geguckt in einem luftigen Restaurant mit ca. 80 anderen Menschen: Venezuela gegen Uruguay. Qualifikation fuer die WM 2014. Als endlich das Ausgleichstor fiel haben alle mit dem Bier gespritzt wie wild. War lustig und laut und nass.

Abends haben wir dann auf der Plaza Sucre einer Rapper-Battle beigewohnt, 10 Rapper sind gegeneinander angetreten, das Publikum (ca. 80-1oo Freunde) hat lautstark abgestimmt, wer der bessere ist. Gewonnen hat ganz knapp vor „El Criminal“ der einzige weisser Rapper. „El Conuto“. Organisiert hat „Wladd Sico Lodds“, seinen richtigen Namen hat er nicht verraten. Er hat ein Facebook Profil und man findet ihn bei Soundcloud unter WLADD28. Die Battle hat er ueber Facebook organisiert. Das ganze brav bei der Stadt angemeldet und genehmigt bekommen. Jeder Teilnehmer hat einen kleinen Beitrag gezahlt, der Gewinner die Gesamtsumme erhalten.

Echt cool! Habe sowas noch nie lieve gesehen, kenne das nur aus dem Eminem Film „8 miles“. Video/Sound kommt noch.

El Sistema

Corora ist eine heisse Stadt mit einer sehr schoenen Altstadt im Kolonialstiel. Wir geniessen den Plaza Bolivar und schauen das „gelbe Haus“ an. Dort lernen wir den Bibliothekar Jesus kennen, der uns unter einem riesigen Mangobaum   erklaert, dass die Venezoelanische Gesellschaft nicht reif ist, um die Ideen von Chavez zu verstehen. Die gute Idee der Gemeinderaete in den Barrios, die eine Art kleine Regierung des Quartiers darstellen werden von den Leuten meist nur ausgenutzt. Es fehlt der Sinn des gemeinsam etwas Erschaffens, es fehlt die Bildung, die Ethik.Was sollen 11 jaehrige Muetter Ihren Kindern auch schon beibringen? (Venezuela hat eine der hoechsten Raten an Kinder-Muettern). Der Venezoelaner ist daran gewoehnt, unterstuetzt zu werden. Klar gewinnt Chavez die Wahlen, wenn nicht, wird die von ihm initiierte „Revolution“ (Die „Misiones“) scheitern, denn das Volk liebt ihn, Hugo, und misstraut den anderen Regierungsmitgliedern. Jesus nennt die Revolution in Anfuehrungszeichen, denn seiner Meinung nach ist die Politik von Hugo Chavez die Kontinuation der vorherigen Praesidenten und stellt keinen Bruch dar. Er selbst liebt den europaeischen Fussball der 80er Jahre. Es fehlt den Venezoelaner an Kultur, leider.
Obwohl sie gerade in Carora stolz auf ihren Beitrag zur Kultur sind: das erste Kinderorchester Venezuelas stamme aus Carora, gleich um die Ecke, erzaehlt uns Jesus. Diese Chance lassen wir uns nicht entgehen und wir stapfen tapfer durch die Hitze bis zur „Casa de la Cultura“ und treffen dort auf Luis Jose Riera, genannt „Chispa“.Er erklaert uns „El Sistema“ – anders als sonstwo ist der Musiker nicht der Protagonist, sondern die Gruppe und „das System“. Die Idee dahinter war urspruenglich, gerade die Kinder aus einfachen Verhaeltnissen von der Strasse in die Kulturzentren zu holen. Jeder bekommt gratis ein Instrument wenn er uebt und mitspielt. Inzwischen ist aus dem Sozialprojekt zusaetzlich ein Musikprojekt geworden. In Deutschland sind die Kinder und Jugendorchester durch Filme ueber den heutigen Dirigenten Gustavo Dudamel bekannt geworden, der auch schon die Berliner Symphonie dirigiert hat. Als Vater des „Systems“ gilt allein Antonio Abreu. Und das aergert Luis. Auch dass Carora und ihr Kinderorchester in keinem der Filem erwaehnt wird. Das empfindet er, der 1975 mit nur 9 Jahren dem Orchester beigetreten ist, als ungerecht.Denn der eigentliche Ursprung war hier, in Carora, in der Naehe von Barquisimeto. Der Chilene Sergio Miranda hatte in Chile in La Serena das erste soziale Kinderorchesterprojekt gegruendet. Als am 11. September (1973) der Putsch gegen Allende den Diktator Pinochet an die Macht bringt, verlaesst er Chile und kommt mit seiner Idee in der Tasche nach Venezuela. Dort hatte Juan Martinez 1965 das erste Kulturzentrum (Casa de la Cultura) gegruendet. Um die Idee von Sergio Miranda zu realisieren, gelingt es Juan Martinez, ein paar Erwachsene Musikbegeisterte zusammenzusammeln und mit diesen Konzerte zu veranstalten, um die Kunden zu begeistern und geld fuer das Projekt zu sammeln. So gruende sie 1974 das erste Kinderorchester in Venezuela, gleichzeitig das erste Orchester ausserhalb der Hauptstadt, wo sich sonst alle kulturellen Aktivitaeten Venezuelas konzentrieren. Sie geben 1975 Ihr erstes Konzert in Caracas (wie haben die Zeitungsartikel von damals gesehen), und Luis Chispa Riera ist dabei! Er ist neun Jahre alt und unglaublich aufgeregt und stolz. Jose ist auch heute noch ein Hansdampf auf allen Instrumenten, ein Mann, dem das Gleuck aus den Augen sprueht sowie er ein Instrument beruehrt. Nicht umsonst hat er den Spitznamen „Chispa“, was soviel wie „Pfeffer“ oder „Feuer“ bedeutet.   Antonio Abreu erfaehrt von dem Konzert und kommt gleich im Anschluss nach Carora, macht aus dem Einzelfall 1976 dann das beruehmte „System“, das inzwischen ueberall in ganz Venezuela existiert un dem der juengste Dirigent Gustavo Dudamel entsprungen ist.Und dann zeigt er uns die Musikschule. Zuerst die kleinen Zimmer, in denen alleine oder mit 2-3 anderen Kinden geuebt wird.   Aber schon bald das Herz der Schule, das Orchester. Heute, am Mittwoch, sind wenige Kinder da – nur halb soviele wie sonst. Als wir eintreten und er uns als Gaeste aus Italien und Deutschland ankuendigt spielen Sie die „Ode an die Freude“. Immer wieder, zweimal, dreimal, fuer uns. Ich bin bewegt. Die Atmosphaere ist magisch, der Eindruck stark. Es klingt teilweisefurchtbar schraeg, die musikalischen Ohren des Dirigenten muessen geduldig sein, aber das was man hoert ist umwerfend! Ich kann mir vorstellen, das die Kinder begeistern sind von diesem System: anstatt langweiligen Einzelunterricht und hin und wieder ein Konzert der Musikschule fuer Mami und Papi ist der Effekt hier, als Einzelner zu etwas Ganzem, etwas Grossem beizutragen, wichtig zu sein fuer die Gruppe. Toll!
Am Schluss fuehrt er uns dann zu den ganz kleinen – eine Art Kindergarten, in dem schon fuer die Musik und das Team begeistert wird. Das hier ist der Nachwuchs des Kinderorchesters. 🙂