Späte Gerechtigkeit

Viel zu spät wurde endlich ein Gerichtsverfahren begonnen und viel zu lange dauert es schon, aber es ist dennoch gut, dass es sie gibt: die Ausserordentlichen Kammern am Kambodschanischen Gerichtshof. Pol Pot war schon 9 Jahre tot, als vor zehn Jahren endlich damit begonnen wurde, Zeugenaussagen zu hören und Anklage gegen die noch lebenden Anführer des Roten Khmer Regimes zu erheben.

Diese Gerichtshof ist ein Kompromiss. Die UN arbeitet eng zusammen mit der kambodschanischen Justiz, die sich lange gegen ein Verfahren gesträubt hatte. Sonst könnten alte Wunden wieder aufbrechen, so die Regierung. Doch nach langem und zähen Verhandlungen kam es dann zum Kompromiss: So werden nur die schwersten Verbrechen und auch nur die Anführer des Regimes verurteilt. Viele Opfer können nicht verstehen, dass es für das, was Ihnen angetan wurde, kein Verfahren gibt, da es entweder Verbrechen sind, die nicht zum Aufgabengebiet des Tribunals gehören, oder diese Verbrechen von weiter unten in der Hierarchie stehenden Roten Khmer verübt wurden. Das erzeugt Frust. Aber es ist besser als nichts.

Momentan laufen die Schluss-Statements im Fall 002/02.   Man kann diese im Live-Stream verfolgen. Khieu Samphan und Nuon Chea, die beiden Angeklagten, warten in einem kleinen Gefängnis hinter dem Gerichtshof auf das Urteil. Es wirkt unscheinbar auf mich, als ich das Gerichtsgebäude besuche. Links davon sei die Küche, zeigt mir der für PR zuständige junge Mann vom Gerichtsgebäude aus. Davor befindet sich eine grüne Wiese, idyllisch ist es auch hier. Mitten auf der Wiese steht ein kleiner Pavillon, in dem eine beeindruckende Figur – in der rechten Hand ein Schwert – mit der Linken Hand auf einen zeigt. Dies ist der Ort, an dem die Zeugen schwören müssen, dass sie die Wahrheit sagen werden. Ich bin beeindruckt.

Interessant ist, dass an diesem Gerichtshof erstmalig ein neues Verbrechen gegen die Menschlichkeit benannt wurde: Zwangsheirat. Eine Zeugin sagt vor Gericht aus, dass Sie zusammen mit ungefähr 200 anderen Bauern vom Reisfeld geholt wurde und in einer nur eine Viertelstunde dauernden Zeremonie mit einem ihr völlig Unbekannten verheiratet wurde. Natürlich sprachen sich beide ab, dass sie nur so tun würden, also ob sie ein Ehepaar wären und sich sofort scheiden lassen würden, wenn dieser Wahnsinn vorbei wäre und sie dann noch am Leben seien. Doch es kam leider anders: nachts kamen die Schergen des Regimes und zwangen die beiden zu ehelichem Beischlaf: das Ziel war es, die Bevölkerung rasch zu erhöhen und lauter kleine Kommunisten heranzuziehen, die der Organisation dienen sollten. Beide haben dies als sehr erniedrigend und als eine staatlich verordnete Vergewaltigung empfunden. Wie Ihnen erging es tausenden.