Venezuela 2012 – Petare

Tag eins der Reise fuehrt uns gleich zu Antonio’s Familie nach Petare. Petare liegt ganz im Osten der Stadt und ist eines der Viertel, die in Brasilien Favelas, hier Barrios, in Indien Slums genannt werden. 1995 lebten in Petare geschaetzt 1 Million Menschen. Heute sind es 3 Millionen. Wilder Wohnungsbau, kein System, jede Strasse koennte eine Sackgasse sein, ohne Fuehrer bist Du hier verloren. Viele Treppen, denn die grossen Barrios liegen immer an den Haengen (und sind deshalb Erdrutsch anfaellig). 1995 wurden dort illegal und kostenlos die weiter oben am Hang liegenden Wasserleitungen angezapft, ebenso die Stromleitungen. Hier hausen war kostenlos.

Heute besuchen wir die Tante von Antonio, die schwer krank ist. Was sie hat, weiss keiner so genau – etwas am Herzen, etwas an der Lunge, dazu Osteroporose, sie solle mehr essen, sagen die Aerzte, mehr Mineralien, ihre Knochen seien so zerbrechlich. Sie isst wenig bis gar nichts, wird immer kleiner und duenner. Ihre Tochter hat die Arbeit hingeschmissen, um die Mutter zu versorgen: Arztbesuche, Einkaeufe, Haushalt.

Wir steigen am Fuss von Petare aus, an der letzten Metrostation. Chaos. Laut. Autos, Motorraeder, Busse, alles hupt und stinkt, tausende von Menschen, viele kleine improvisierte Verkaufsstaende, an denen Waren schwarz feilgeboten werden. Klar, dass wir nicht alleine hierhergekommen sind, wir waeren verloren! Antonio’s Cousine Janina hat uns an (in) der Metro abgeholt, zusammen mit ihrem Mann Wilton. Wir reihen uns nach kurzem Fussweg in eine lange Schlagen von Menschen ein, die alle auf den gleichen „Por Puesto“ warten: einen kleinen Privatbus – in unserem Falle ein alter Militaerjeep – in den bis zu 10 Personen einsteigen. Jeder zahlt dem Fahrer waehrend der Fahrt (wie macht er das blos? Multitasking?) 3 Bolivares. Er faehrt immer die gleiche Strecke und jeder kann sagen, wann er aussteigen moechte. Es gibt keine festen Haltestellen. Wir fahren eine steile, geteerte und enge Strasse bergaufwaerts, mehrmals kommen uns andere Porpuestos entgegen und ich bete, dass unsere Bremsen nicht versagen, denn die Steigung ist gefuehlte 40%. An der steilsten Stelle ruft Janina – halt, wir steigen hier aus!

Noch ein paar Treppen zu Fuss und dann sind wir da. Miriam weint vor Freude, als sie uns sieht. Die Wohnung ist einfach aber sauber, adrett und … sie hat Internet! Hier ein Bild vomWohnzimmer:

Das Wohnzimmer

Das Kabel geht durchs Fenster zum Nachbarn, dem zahlen sie eine Monatsgebuehr. Inzwischen, erfahren wir, zahlen sie auch fuer das Wasser und die Elektrizitaet. Wir bekommen eine heisse Suppe, mit Fleisch und Gemuese darin, dazu gibt es Reis und Yuca. Vor dem Essen laeuft eine DVD, auf italienisch, fuer uns. Ein Werbefilm fuer die Zeugen Jehovas. Janina und ihr Mann, aber auch die Tante von Antonio, sind Zeugen Jehovas. Der Film vermittelt, wie gross und professionell die Organisation ist. Vermittelt Ordnung, Ruhe, ein sicherer Hafen. Das ist attraktiv fuer die Menschen, die hier in Petare im Chaos, ohne Sicherheit und Ordnung leben. Alle Buecher im Hause sind von den Zeugen Jehovas.

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Vom Wohnzimmer aus geht es auf einen Balkon, von dort sieht man die Hauser darunter.

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Es wird schnell dunkel hier – schon um sechs ist alles schwarz. Wir lassen uns wieder zur Metro begleiten, den Foto gut versteckt. Auf dem Fussweg nach unten kommen wir an einem Typ vorbei, der eine Machete in der Hand hat und laut damit auf irgendwas schlaegt, um Laerm zu machen und Angst. Ich habe erstaunlicherweise keine Angst. Das gilt nicht uns. Trotzdem bin ich froh, als wir heil an der Metro angekommen sind, und nicht am Staub der rund-um-dieUhr Bauarbeiten erstickt sind, die bis zum Sommer eine weitere Metrostation fertigstellen sollen, die hier noch weiter nach Petare reinfuehrt. Auch hat uns keines der Motorraeder ueberfahren, die in der engen Gasse zur Metro ruecksichtslos aufs Gas druecken. Das hat mich dann schon an Napoli erinnert, an die „SpaccaNapoli“. Puh, erschoepft falle ich um neun ins Bett!

Venezuela 2012 – Wir sind angekommen!

Nach 10 Stunden Flug von Frankfurt nach Caracas sind wir endlich da! Wir verlassen die Sicherheitszone des Flughafens und Antonio, ganz Kavalier, schiebt meinen grossen bunten Bluemchenkoffer zur Telefongesellschaft, um eine venezoelanische SIM Karte zu kaufen. Ich trotte hinterher. Auf dem Weg dorthin wird er mehrfach angesprochen, Geld tauschen? Taxi? vermute ich – nein. Die Leute lachen, weil sein Koffer so schwul aussieht und er immer wieder auf mich zeigen und versichern muss, es sei meiner! 😉

(A propos schwul: heute frueh finde ich eine Anzeige einer Regierungs-Institution in der Zeitung: „Homosexualitaet ist keine Krankheit, Homophobie hingegen schon“.)

Wir kaufen fuer 50 Bolivares eine SIM Kard und laden diese fuer weitere 50 Bolivares auf. 50 Bolivar sind ca. 10 Euro.  Jetzt sind wir stolze Besitzer einer venezoelanischen Handynummer! Hier ist sie:  null null fuenf acht, vier eins zwei, neun zwei acht, null zwei drei zwei.

Ein vorbestellter Taxifahrer wartet auf uns mit einem Schild. Da wir wissen, wie er heisst, lassen wir uns zur Sicherheit seinen Namen sagen, denn es soll schon vorgekommen sein, dass ein anderer schlauer, einfach den Namen abgeschrieben, und sich weiter vornehin gestellt hat, um die Touristen dann gleich in seinem Taxi abzuschleppen. Unser „Senor Mata“ nimmt leicht angewiedert den bunten Bluemchenkoffer und rennt (damit ihn keiner seiner Macho Kollegen sieht?) zu seinem Wagen, mit dem wir dann benebelt durch die Abgase der Busse losfahren. Senor Mata wirkt sehr sympathisch und das ist er auch, stellen wir schnell fest.

Wir waren das letzte Mal 1995 hier, fange ich ein Gespraech an….  Ja, da hat sich viel verandert! Wir werden Caracas nicht wiedererkennen! geht er gleich darauf ein. Ist es besser oder schlechter geworden? Es ist schlechter geworden, wegen dieser Regierung, diesem Praesidenten, der jetzt hoffentlich abgewaehlt wird, schnaubt er. Er sei von Anfang an gegen Chavez gewesen, haette ihn noch nie gewaehlt. Was denn schlechter sei? Die Strassen zum Beispiel, flucht er. Ich verkneife mir zu sagen, dass diese in der Basilikata auch nicht besser sind und 1995 ueberall die Dohlen-Deckel gefehlt haben (siehe Beitrag unten). Ausserdem haette die Kriminalitaet zugenommen, es sei unertraeglich und wir sollten aufpassen, abends nicht weggehen.

Wir fahren an mehreren Grossbaustellen vorbei. Viviendas, Wohnanlagen werden hier gebaut, um den Opfern eines Erdrutsches im Armenviertel, ein neues Heim zu geben. „Opfern in Anfuehrungszeichen“, sagt Senor Mata. Wir fragen nicht, was er meint. Antonio leidet schon genug unter diesem geballten Anti-Chavismus. „Du bist der Sozialismus, der diese Werke realisiert“ steht auf einem Plakat: „20% Deiner Steuern fliessen in Bildung, sozialen Wohnungsbau, Aerztliche Versorgung“. Erinnert ein bisschen an Kuba, was da so auf den Waenden steht.

El Mata bringt uns nach Montalban, wir suchen gemeinsam eine Viertelstunde lang die Adresse, denn es gibt hier keine Hausnummern, sondern die Haeuser haben Namen: Maria, Isabel, oder El Gota. Ah! Wir sind in einer „bewachten Zone“, die Strasse ist mit einem hohen Zaun gesperrt, vorbei darf nur, wer dem Waechter koscher vorkommt. Das tun wir. Wir passieren, und finden dann auch den Eingang, Cesar kommt runter und begruesst uns. El Senor Mata bekommt 50 Dollar und empfiehlt sich fuer die Rueckfahrt.

Cesar nimmt uns vor dem Eingangstor in Empfang und informiert gleich nach dem Tor die giessende Hausmeisterin, dass wir sein Besuch sind. Ich schaue nach oben: bis ganz oben sind die Fenster vergittert! Wir betreten den Hausflur, durch eine verschlossene Glastuer. Der Aufzug faehrt nur mit einem Chip, dann kommt ein aufzuschliessendes Eisengatter vor der Haustuer, dann die Haustuer selbst. Dann sind wird da! Ein grosse Wohnung voller Luft und Licht!

Links das Wohnzimmer, in der Mitte die elektrische Art, Warmwasser zu erzeugen, rechts der Blick aus dem Fenster.