Der (fehlende) Dialog

Als erstmalige Teilnehmerin bei einer Konferenz zwischen Vertretern der Europäische Union under der Afrikanischen Union in Addis Abeba war ich entsetzt über die verfahrene Situation. Es gab während aller Gespräche vereinfacht gesprochen nur zwei Haltungen:

  1. Die Europäische. Diese leidet darunter, nur als Geldgeber und nicht als Partner gesehen zu werden und fordert deshalb Gegenleistungen unterschiedlicher Art: Öffnung der Märkte, „Commitments“, „Partnerschaft“, Stärkung der AU, Stärkung der Menschenrechte, Bekämpfung von Korruption, Eindämmen der Flüchtlingsströme. Die EU empfindet jede auch noch so berechtigte Kritik als EU-Bashing, das den Dialog nicht fördert.
  2. Die Afrikanische. Diese leidet darunter, dass die Europäer Ihre Verantwortung weder für die vergangene Ausbeutung noch für die aktuellen und laufenden Ungerechtigkeiten verbal anerkennen will und fordert die EU auf, Ihren „Kolonialsprech“ (sie sagen „narrative“), also die gebetsmühlenartig wiederholte europäische Interpretation der misslichen afrikanischen Lage aufzugeben und stattdessen die afrikanische Wahrnehmung ernst zunehmen.

Diese zwei Haltungen, die wie im Ping-Pong bei jedem der 5 Sessions hin und hergingen verhindern jeglichen echten und konstruktiven Dialog. „Die Afrikaner“ haben kein Vertrauen in Europa und jeder noch so gut gemeinte Vorschlag wird misstrauisch hinterfragt und ggfs. abgelehnt. „Die Europäer“ sehen Afrika nach wie vor als Kontinent, der unseren wirtschaftlichen Interessen zu dienen hat.

Wir brauchen einen „Willy Brandtschen Kniefall“, der offiziell für die Ungerechtkeiten aus der Kolonialzeit um Vergebung bittet. Darüber hinaus sollten wir auch die aktuellen international ungerechten Handlungen benennen, die Afrika schaden und uns explizit verpflichten, daran zu arbeiten, diese abzuschaffen und an einer EU Richtlinie zum Thema Geldflusstransparenz/Korruptionsdatenbank arbeiten. Wenn wir das nicht tun, sind wir nur scheinheilig und die Afrikaner misstrauen uns zu recht. Grundvoraussetzung für weiteren Dialog aus meiner Sicht: Fehler und Schwächen auf beiden Seiten zuzugeben und definieren, wie man jeder für sich und auch gemeinsam daran arbeiten kann.

In weniger als 10 Jahren wird die EU in Afrika weder politisch noch wirtschaftlich eine große Rolle mehr spielen, Länder wie China und Indien, aber auch der nahe Osten werden hier die Führung übernehmen, da sich Afrika dorthin orientiert wird.

Das Thema Migration aus Afrika nach Europa ist für die EU ein riesiges, für Afrika ein untergeordnetes. Der Großteil der afrikanischen Flucht und Migration findet innerhalb des Kontinents statt, nur eine kleiner Teil verlässt den Kontinent und von diesen gehen die meisten in den nahen Osten oder nach Asien, nur ein Bruchteil nach Europa. Deshalb ist auf Seiten der Afrikaner wenig Verständnis dafür da, dass das Thema in Europe so eine große Rolle spielt. Ausserdem begreifen Afrikaner nicht, warum Migration so negativ besetzt ist in Europa, nachdem doch die Welt historisch voller Migranten und Migration ein natürliches Phänomen ist, von dem immer beide Seiten profitieren.

Die afrikanische Seite fragt zu recht, was denn in der öffentlichen Diskussion in Europa zum Thema Migration gesagt wird, warum diese negativ gesehen wird und ob denn in der öffentlichen Wahrnehmung die Fluchtursachen bekannt sind? (Hier hat mich besonders die Statistik beeindruckt, dass die remittencies, also die nach Hause gesandten Geldtransfers der Auswanderer in Summe mehr als die EU Hilfen und Investitionen ausmachen).

Wir brauchen meiner Meinung nach eine unabhängige politische Stiftung/Plattform, die sachlich, mit Statistiken und Belegen, Land für Land konkret und detailliert informiert, wo die Flucht bzw. Migrationsursachen liegen und wie diese verändert werden müssten, was jeder einzelne dazu tun kann, aber was auch unserer Regierungen / die Politik tun müsste und was das wiederum für Konsequenzen hätte. Letztendlich muss es langfristig zu einer Systemveränderung kommen, zu einem Paradigmenwechsel, wenn wir globale Gerechtigkeit wollen. Also eine Plattform zur Bildung und Meinungsbildung. Eventuell noch verknüpft mit einer Korruptionsdatenbank/transparency international.

Was die EU Minister zur Zeit als Erfolg feiern sind nur weitere für Afrika unvorteilhafte Freihandelsverträge und keine guten Lösungen.