Das alte Kind

Er sitzt in sich zusammengesunken da. Geduldig auf seinen Einsatz wartend. Im Hintergrund ein kurzer Dokumentarfilm über die schwere Arbeit, die Kinder unter Pol Pot auf dem Land verrichten mussten, die harten Bestrafungen für Fehlverhalten und der Wert von ein paar Reiskörnern. Als die junge Übersetzerin den Film ausschaltet und sich neben ihn setzt, fängt er leise an zu sprechen. Er ist mein Jahrgang. Ich hätte ihn um mindestens 10 Jahre älter geschätzt, auch wenn seine Haare noch tiefschwarz sind. Er erzählt seine Geschichte. Er war 5, als die roten Khmer die Macht in Kambodscha übernahmen. Sein Vater war gerade nicht da, er arbeitete als Arzt in einem nahegelegenen Krankenhaus. Norng war alleine mit seinen kleinen Geschwistern und der Mutter, in einer Provinz von Kambodscha.

Khmer heisst das kambodschanische Volk und auch die Sprache die er spricht und die ich nicht verstehe. Aber ich sehe, dass das, was er erzählt auch heute noch körperlich schmerzt. An den schlimmen Stellen, wo es um Gewalt, Mord, Erniedrigung geht, krallen sich seine Hände ineinander, die Knöchel werden weiss, das ganze Gesicht verkrampft sich, nicht nur die Augen zwinkern nervös, der ganze Mensch krümmt sich vor Schmerz. Tränen schiessen mir in die Augen.

Er erzählt von der Vertreibung im eigenen Land, immer wieder, ohne zu Ruhe zu kommen.  „Angkar“, was auf deutsch einfach „die Organisation“ heisst, hatte am Tag nach der Machtergreifung alle Städter aufs Land vertrieben und zu harter Arbeit verdonnert. Das haben viele „verweichlichten“ Städter nicht überlebt. Er erzählt von seiner Mutter, die als Köchin arbeitet, die die Soldaten der roten Khmer bekochen muss. Er erzählt von der Ankunft von 160 Gefangenen, die angeblich noch in der Nacht in ein neu zu gründendes Dorf transportiert werden sollen und von den blutbefleckten Kleidern, die am nächsten Morgen zur Verfügung stehen. Kleider die verteilt werden und die sein Vater nicht anziehen will. Dies kommt aber einem Ungehorsam gegenüber Angkar gleich, was den Verdacht ein Staatsfeind zu sein und damit Verhaftung, Folter und Tod mit sich bringt.

Er erzählt von vier schrecklichen Jahren, von den Jahren eines 5-9 jährigen und seiner Familie. Eine Familie wie tausend andere auch.
Irgendwann hört er auf zu erzählen und verstummt.
Er möchte gehen, bietet aber aus Höflichkeit noch an, für Fragen zur Verfügung zu stehen.

Ob ihm das Erzählen helfe oder wehtue? Es täte weh, er würde alles jedes Mal aufs neue durchleben. Seit 26 Jahren. Immer wieder.

Dann geht er.

Mit den Tränen kämpfend frage ich die Übersetzerin, wie oft er das erzählt? Sie sagt, einmal pro Woche. Seit 2 Jahren, seit es das Programm im Tool Sleng Museum („Museum of Genocide“ im ehem. S-21 Foltergefängnis in Phnom Penh) gibt. Heulend suche ich mir draussen einen Platz im Schatten unter einem der wunderschönen kambodschanischen Bäume im friedlichen Innenhof.