Meron’s neues Heim

Meron’s neues Heim

Sie empfängt uns mit Blumen, die sie für uns gepflückt hat. Gelben Blumen. Und einem strahlendem Lächeln. Meron ist neun Jahre alt und lebt mir Ihrer Tante in einem der vielen Slumviertel von Addis Abeba. Ihr Mutter ist nicht da. Sie ist in Bahrein, weil es dort Arbeit gibt. Eine von tausend modernen Sklavinnen der Vereinigten Arabischen Emirate. Sie will in zwei Jahren wiederkommen, wenn Ihr Vertrag ausläuft. In der Zwischenzeit schickt sie Geld nach Hause. Um eine Wohnung zu kaufen, endlich raus aus dem Dreck. Zu dieser Wohnung fahren wir jetzt gemeinsam. Sie liegt in der Peripherie von Addis, einem Neubauviertel sagt man mir.

Dieses beginnt an einem neuen Kreisverkehr. Zunächst fahren wir an von Chinesen gebauten Wohnblöcken vorbei. Hunderte von Neubauwohnungen. Dann kommen wir durch ein skurriles Viertel, in dem fleissig an dutzenden Einfamilienhäusern der äthiopischen Diaspora gebaut wird. Man kann erkennen, in welches Land der Besitzer ausgewandert ist: Schweden, Italien, Frankreich, Naher Osten, Ferner Osten, USA.

Und dann, dann sehe ich etwas, was ich nie zuvor gesehen habe: wohin das Auge reicht Neubauten, Wohnblöcke, Mietskasernen. Hunderte. Tausende. Zwanzig Minuten dauert die Fahrt durch diese Neubauwüste. Häuserskelette, oft nur Rohbauten, in deren Erdgeschossen teilweise  bereits Wäscheseile hängen oder Geschäftstüchtige Kaffee und Wasserflaschen an die Bauarbeiter verkaufen.

Der Staat hat sie bauen lassen. Es gibt eine Warteliste und ein Losverfahren. Wenn man im Losverfahren gezogen wird, muss man schnell für 3.000 USD kaufen. Das entspricht 60 Monatslöhnen für eine arme Familie wie die von Meron, bevor die Mutter ausgewandert ist. Nun verdient sie etwas besser und hofft, schneller diese Schulden abzahlen zu können.

Endlich sind wir da. Die Vorfreude ist riesig. Wir stehen vor der Wohnung und Meron strahlt, wie ein Honigkuchenpferd. Noch nie habe ich ein so glückliches Kind gesehen. Sie hält den Schlüssel stolz in der Hand, steckt ihn ins Schloss, doch bevor sie aufschliesst lässt sie sich fotografieren vor der Eingangstür, ein Foto für die Mama.

Als sie aufschliesst klappen uns die Kinnladen herunter. Wir Europäer kämpfen mit dem Tränen, vor Wut. Wie kann man eine „fertige“ Wohnung so übergeben? Abgesehen vom Bauschutt, der überall herumliegt hängen die Kabel von der Decke, wenn man dieses Gewirr aus Holzstangen und Kabelspaghetti unter einem Wellblechdach überhaupt Decke nennen kann. Das Bad hat lediglich eine im Boden eingelassenes „türkisches Klo“ aus Porzellan, keinerlei Waschbecken. Die Fliesse an der „Stufe“ springt beim ersten Betreten, die „Stufe“ ist inexistent, ein nicht verkleidetes Etwas, Stolper- und Verletzungsgefahr hoch. Die „Küche“ hat keinerlei Anlagen oder Verkleidungen, die Rohre starren einen wie große hohle Augen aus der Wand an. Der Verputz geht nur bis zu zwei Metern zwanzig, ab da sind die Löcher in der Wand so groß, dass man zum Nachbar durschschauen kann. Die Schiebefenster gehen nicht auf, da beim schlampigen Bau Zement in deren Schienen gefallen ist und das Öffnen verhindern.

Eine Frechheit. Eine Ungerechtigkeit. Wir sind beschämt. Wir versuchen, uns nichts anmerken zu lassen.

Meron strahlt, sie ist überglücklich und dankbar: für Sie ist es die erste Wohnung, deren Tür man abschließen kann und die Sicherheit bietet. Sie jubelt und klatscht. Das erste mal eine trockene Unterlage, ausgegossener Zement anstatt Erde. Stabile Mauern anstatt Wellblech.

Nur das Wellblechdach, das hatte sie auch vorher schon.

Als wir gehen, kommen uns von der Strasse vier Staatsdiener in dunkelblauen Anzügen entgegen. Sie gehen schnurstracks auf die Bauarbeiter zu. Ob sie kontrollieren oder abkassieren können wir nicht sehen.