Polizeipiraten

Wir sind am Sonntag, den 3. Juni gegen 15.30 Uhr von Piraten ausgeraubt worden, genauer gesagt von der Guardia Nacional!

Und das ging so: Wir fahren auf der Autobahn von Barinas nach Barquisimeto. Also wir kurz vor der Landesgrenze zwischen Estado Portugesa und Lara an einer der ueblichen Polizeikontrollen vorbeikommen, werden wir herausgewunken, direkt hinter einem anderen Kleinwagen. Hier das Foto des Kleinwagens und der Reklametafel direkt neben dem Polizeihaueschen.

Sie moechten zuerst den Ausweis von Antonio und mir sehen. Dann soll Antonio austeigen und den Fuehrerschein und die Fahrzeugpapiere zeigen. Dann soll er mit ins Haeuschen kommen. Ich bleibe im Auto sitzen. Als es zu lange dauert, schliesse ich den Wagen ab und gehe auch zum Haueschen. Schliesslich muss ich bei der Gelegenheit auch mal. Antonio kommt mir entgegen und raunt mir zu: sie wollen zwischen 500 und 1000 Bolivares. Warum? frage ich: es wuerde das Gesundheitszeugnis fehlen. Ich frage ob ich aufs Klo darf und das darf ich auch. Ich hoere sie von Klo aus nebenan lachen, wie wenn man einen Streich ausheckt. Antonio ist derweilen zum Auto gegangen ist um zu zaehlen, wieviel Bargeld wir noch haben.

Als ich rauskomme, zeige ich ihnen meine (Fotokopie) des Internationalen Impfpasses aus der Ferne. Ich haette einen Gesundheitsausweis, behaupte ich. Nein, ich braeuchte einen Internationalen. Das ist einer der Vereinten Nationen, beharre ich. Der aeltere, dicke, boesere winkt aber und sagt, sie haetten schon mit meinem Mann gesprochen ich solle mich nicht einmischen. Ich insitiere und sage, jetzt sei aber ich da und ich moechte auch verstehen was wir getan haetten. Ploetzlich ist der Impfpass nicht mehr wichtig, sondern wir haben gegen ein anderes Gesetz verstossen: Wir haetten keine Berechtigung in Venezuela Auto zu fahren, dafuer brauechten wir eine venezoelanische Erlaubnis. Es ist mehr offensichtlich, dass sie einen Grund sichen. Ich sage, dass ich das nicht verstehe, schliessliche haette man uns in Caracas ein Auto vermietet. In Caracas gebe es Gesetze, hier seien es eben andere! sagt der Aeltere, schnauzt den Juengeren an, er moege mir das Gesetz in der Strassenverkehrsordnung zeigen und geht dann nach draussen zu Antonio. Der Juengere blaettert und blaettert und findet natuerlich keinen Paragrafen, der auch nur annaehernd seinen Anschuldigungen entspricht. Dann aendert er seine Taktik, lenkt vom Paragrafen ab und sagt:  wir muessten jetzt nach da hinten fahren und da gemeinsam Geld aus dem Automaten ziehen und 1000 Bolivares zahlen (200€) und wir wuerden dann ein Papier bekommen, dass uns einen Freischein ausstellt, dass wir ab jetzt in Venezuela fahren duerfen. Ich bin sauer und sage, ok, lass uns fahren. Ich nehme schnell unsere Papiere an mich. Auf dem Weg nach draussen argumentiert er, ja, es sei sein Job uns zu begleiten, aber das wueder lange dauern und uns viel Geld kosten, denn wir muessten ein Taxi zahlen. Antonio, der dicke, der juengere und ich sind inzwischen draussen beim Auto. Antonio zeigt, dass wir nur noch 345 Bs besitzten (die Wahrheit) und insistiert, dass er doch schliesslich in Venezuela geboren sei und sie doch bitte gnaedig sein sollen. Der „gute“ sagt dann zum „boesen“: komm, lass uns heute grosszuegig sein…

Wir druecken unser ganzes Bargeld ab, steigen schnell ins Auto, machen die Tueren zu doch bevor wir fahren, mache ich noch von innen ein Foto durch die Rueckscheibe. Das koennen sie nicht sehen, da alle Fenster mit verdunkelnder Folie beklebt sind.

Vielleicht haetten wir es geschafft, dass sie uns so laufen lassen. Vielleicht. Aber vielleicht haetten sie ihre „Freunde“ ein paar km weiter angerufen und diese haetten uns komplett ausgeraubt. Insofern ist es nochmal glimpflich ausgegangen. Leider haben uns alle, denen wir davon erzaehlt haben, abgeraten, Anzeige zu erstatten. Obwohl oder gerade weil die Straflosigkeit eine der groessten Menschenrechtsverletzungen und Probleme darstellt.

Der Soziologe

Wir treffen uns mit Nelson Freitez in Barquisimeto. Er ist Teil der 350 MitarbeiterInnen starken Kooperative Cecosesola. Cecosesola (Central Cooperativa de Servicios Sociales Lara) wurde 1967 als Dachkooperative mehrerer Landkooperativen aus dem Bundesstaat Lara und einiger Stadtteilgruppen aus der Großstadt Barquisimeto gegründet. Heute umfasst Cecosesola 85 basisdemokratische Kooperativen und Vereine. Insgesamt hat Cecosesola mehr als 2000 Mitglieder, die einen wöchentlichen Vorschuss auf den gemeinsam erwirtschafteten Gewinn erhalten. Es gibt auch einen deutschen Ableger dieser Kooperative und sie „touren“ gerade durch Deutschland, bis 6. Juni noch.

Wir befragen Nelson zur Gesellschaft in Venezuela. Er holt weit aus und berichtet, dass Venezuela schon seit den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts eine „Rendite-Gesellschaft“ ist und damit meint er, dass die Einnahmen des Landes nicht einer eigenen Leistung und Produktion entstammen, sondern vom Oelreichtum kommen. Die Wahrnehmung der Bevoelkerung ist: wir sind sehr reicht, aber dieser Reichtum ist ungerecht verteilt. Die Redistibutionspolitik der Regierung(en) entsprach nie den Konsumerwartungen der Venezoelaner und seit den 80ger Jahren gab es immer wieder Proteste. Ein erster Hoehepunkt dieser Proteste fand 1989 statt, im sogenannten „Caracazo“, eine Art Volksaufstand, bei dem es zu Massenpluenderungen und vielen Toten kam.

Doch dieser Protest hat sich nie in eine Buergerbewegung oder eine strake Gewerkschaft gewandelt. Es gaert und sprudelt sehr viel, es gibt viel Bewegung und Unruhe, aber nur wenig Artikulation derselben.  Hugo Chavez raepreesentiert diese Bewegung und gibt ihr eine Form. Die von ihm gewaehlte Form ist die Konfrontation, der Konflikt, die Ueertreibung, der Bipolarismus. Er stimuliert die Wahrnehmung der Klassenunterschiede. Und er begiebt sich auf die Flaeche des „Milliarden Dollar Tanzes“.

Hugo Chavez verteilt die Oeleinkommen unter den Armen und erzielt so die Unterstuetzung von Millionen Menschen, die in einfachsten Verhaeltnissen leben, in Barrios wie Petare. Und er hat das politische System veraendert: er hat die Macht staerk in den Haenden einer militaerisch-zivilen Elite zentralisiert und das zuletzt foederale Modell verbogen.  Nelson nennt das so: „Die Partei und die Regierung haben den Staat besetzt“, zwar nicht formal, aber de facto.

Seit Hugo Chavez an die Macht gekommen ist vor 13 Jahren, wurden viele Kooperativen und „Misiones“ ins Leben gerufen und bestehende, wie die seine ermutigt. Diese basisdemokratische Organisationen artikulieren zum ersten Mal Themen, die vorher unstrukturiert in Form von Protesten vorgebracht wurden; doch der Frust wieder wenn diese an die „glaeserne Decke“ der obengenannten Elite stossen.

Die (politische) Kultur der venezoelanischen Gesellschaft beschreibt er so: man moechte die eigenen Rechte gewahrt und respektiert wissen, ist aber selbst nicht bereit, Regeln einzuhalten. Man ist immer wieder optimistisch, dabei wenig selbstkritisch und kaum lernfaehig. Die oeffentliche Debatte hat keine Tradition und es fehlt an Ethik. Der Grund liegt in dem Widerspruch zwischen dem, was produziert wird und dem was empfangen wird. Wie lebt man, ohne zu arbeiten? Ein toller Hecht ist, wer schnell reich wird mit moeglichst wenig Aufwand. Es wird noch 20-30 Jahre dauern, bis sich das aendert und vielleicht aendert sich das auch nie, denn die Venezoelaner haben das „Groessenwahn-Gen“ ins sich. 🙂

Aus diesem Grund glaubt er nicht, dass sich viel aendert nach den Wahlen im Oktober, selbst im Falle, dass Chavez verliert, denn letztendlich ist es ein schwacher Staat mit schwachen Institutionen. Jeder Praesident  – und hier unterscheidet sich Chavez nicht von seinen Vorgaengern – verteilt das Einkommen des Oels eben an „seine Buerger“.  Bei Chavez sind das die bisher Missachteten, die Armen.

Ob die Gewalt und Kriminalitaet auch prozentual oder nur absolut zugenommen hat (die Bevoelkerung hat sich seit unserem Besuch 1995 fast verdoppelt)?, fragen wir ihn. Die Gewalt hat in jeder Hinsicht zugenommen: sowohl statistisch (absolut und prozentual), als auch in der Intensitaet: heute begegnet man seinem Nachbarn mit einer Schusswaffe. 1980 gab es 18 Tote pro 1000 Einwohner, heute gibt es 48 Tote pro Tausend Einwohner. Nach Honduras und Guatemala ist Venezuela damit auf Platz drei weltweit. Waffen haben an Wert innerhalb der Gesellschaft zugelegt, vielen Menschen besitzen eine Waffe. (By the way – es laueft gerade ein Projekt „Waffenzensus“: die Regierung versucht herauszufinden, wer alles eine Waffe besitzt, die eigenen Polizie und sonstigen Sicherheitskraefte eingeschlossen). Die Wuerde, die Chavez den Armen in den Barrios durch seine Projekte versucht zu geben, versuchen sich viele bisher Missachtete, mit Waffen zu holen. Der coolste ist der, der das staerkste Motorrad, die teuerste Uhr, den neusten Blackberry, die schoenste Frau und die gefaehrlichste Waffe hat.

Zum Schluss befragen wir ihn noch, wie er die Gefahr eines Buergerkriegs einschaetzt, sollte Chavez die Wahlen verlieren? Zum Glueck sei die Mehrheit der Buerger gegen Gewalt und sieht einen Buergerkrieg nicht als Loesung der Probleme. Dennoch wuessten wir als Politologen ja, dass jedem Buergerkrieg verbale Aggressionen vorangehen und diese, sowie die Bipolarisierung, haben sich  unter Chavez verstaerkt. So herrscht an Weihnachten in den Familien oft eine Art Waffenruhe und man spricht ueber anderes…