Supermarkt und Sit-in

Tag zwei, wir gehen einkaufen. Shampoo, Balsam, Duschgel, Niveakoerpercreme, Nagellackentferner und Watte, Zwiebeln, Tomaten, Kekse, Thunfisch  und Pasta. 460 Bolivares. Fast 100 Euro. Fast alles importiert. Nur die Kekse sind aus Venezuela. Und der Thunfisch. An der Kasse werde ich nach meinem Personalausweis gefragt. Personalausweis? Ich bin Touristin, sage ich, habe keine ID Card. Na dann den Pass, sagt sie. Ich zeige Ihr den Pass, sie tippt meinen Namen und die Passnummer ab. Wozu das? frage ich nicht nur mich, sondern auch sie. Das ist Vorschrift der Regierung. Aber warum, will ich wissen. Das kann sie mir auch nicht erklaeren.

Empoert verlasse ich den Supermarkt und nehme die gelegenheit beim Schopfe, dass ja am Eingang zu unserer bewachten Zone immer Frauen unter einem Zeltdach sitzen. Sie frage ich gleich, was es damit auf sich hat. Naja, sagt die eine, boese Zungen behaupten, das sei ein Weg der Regierung Chavez, die Buerger zu ueberwachen. Aber wozu, will ich wissen, was denn uberwachen? Wieviele Eier sie kaufen? Nein, wieviel Geld sie ausgeben. Damit nicht diejenigen Unterstuetzung beantragen, die eigentlich keine verdient haben, weil sie so viel im Supermarkt ausgeben. Sagt die eine. Die andere erwiedert, sie koenne sich nicht vorstellen, dass diese Daten irgendwie auswertbar seien. Ausserdem gaebe es doch Steuererklaerungen.

Da wir nun schon im Gespraech sind: was machen Sie hier eigentlich unter Ihrem Zeltdach? Nun wird es interessant. Sie sind hier seit einem ganzen Jahr. Sie protestieren gegen die Verstaatlichung eines Grundstuecks. Auf dem nun Viviendas, Wohungen gebaut werden sollen, fuer 2000 Personen. Dabei leben in diesen 8 Hauerserbloecken bereits zweitausend Personen. Und die Infrastruktur reicht nicht richtig fuer diese. Wasser, Abwasser, Metro, Bus. Wie sollen da noch 200 Menschen mehr reinpassen? Deshalb der Sit In. Deshalb die Sperrung der Zone. Nicht aus Sicherheitsgruenden, sondern um zu verhindern, dass hier LKWs mit Baumaterial reinfahren. Deshalb zahlen sie die privaten Waechter. Deshalb die Gatter. Die Absperrung. Ein netter Nebeneffekt ist, dass die Sicherheit auch erhoeht wurde. Aber das eigentliche Ziel ist es, den Bau der Wohnungen zu verhindern. Gut organisiert sind sie. Sogar ein Wireless Telefon steht auf dem Tisch.

Der Verein heisst ASOCIRE I – Consejo Comunal Juan Cardon und ist hier im Internet zu finden.

Chacao

Chacao ist das Little Italy von Caracas. Hierher kamen die aus Italien in den fuenfzigern eingewanderten Italiener. So auch Antonios Vater. Er war als Schuster in einer kleinen Schuhfabrik angestellt. Hatte einen tollen Job: immer wenn den Damen die Einzelanfertigungen ausgeliefert wurden, war er es, der vor ihnen kniete und das neue Stueck ueber die zarten Fuesse streifte. Wir suchen heute am Tag zwei der Reise Signor Palumbo, den Bruder des Besitzers der Fabrik. Antonio erinnert sich ungefaher, wo der Laden war. Wir fragen uns durch, bei einem anderen Schuster. Rothaarig. Baertig. Ja, er kenne ihn. Nein, den Laden gibt es nicht mehr. Aber einen Freund von Palumbo, Castro, den gibt es noch, dort sollen wir fragen. Eine Strasse weiter. Wir finden Castro. Er sagt, Palumbo sei gerade in Italien. Castro ist Portugiese, hat drei Toechter und einen Papier-Laden. Klopapier, Papierbecher, Papierteller. Nein, er war schon lange nicht mehr in Europa. Warum auch. Er kenne niemanden mehr dort. Und nach zwei Wochen fuehle er sich unwohl, fehl am Platze. Hier sei sein zu Hause. Es sei schwieriger geworden site ein paar Jahren, alles viel  teurer. Viel mehr Menschen. Sie vermehren sich wie die Karnikel. Und dann die Flut an Einwanderern! Nicht die aus Europa, sondern aus den anderen suedamerikanischen Laendern. Sagt er, ein Einwanderer. Er und sein Freund Jose Luis, der Fernseher und Zubehoer verkauft und mit uns einen Espresso trinken geht

Auf dem Rueckweg freue ich mich zum ersten Mal, dass mich andere Menschen immer wieder fuer schwanger halten: es wird mir Platz gemacht in der Metro, denn Schwangere sind wie Behinderte bevorzugt zu behandeln und ich nehme diesmal dankend an: die Metro ist brechend voll, teilweise fahren Zuege vorbei, da eh keiner mehr reinpasst und drinnen, drinnen ist es so, wie man sich das Leben einer Oelsardine vorstellt: eng, Leib an Leib und glitschig, denn draussen ist es heiss, mehr als dreissig Grad. Die Fahrt von Chacao, was im Zentrum liegt, zu unserem Viertel Montalban dauert mit Metro und Metrobus eineinhalb Stunden, zweimal umsteigen inbegriffen.

Misiòn madres del Barrio

Heute sind wir in die Innenstadt gefahren. Auf dem haesslichen Caracas Platz gab es mal wieder ein Zelt mit wartenden Menschen darunter. Ah, das sei gar nichts, heute frueh haetten hier tausende aus ganz Venezuela auf Ihr Universitaetsdiplom gewartet, erklaert mir ein Mann, der mit seiner Tocher hier ist. Aha. Das gibt es also im Freien. In Florenz haben wir damals fast 2 Jahre auf unser Diplom gewartet, auch das waren lagen Schlangen, ich erinnere mich, allerdings teilweise drinnen, teilweise auf dem Innenhof.

 

Weiter Richtung Plaza Simon Blivar treffen wir auf grosse Aufsteller, die die Kooperation zwischen Venezuela und China dokumentieren, vor allem im Bereich Energie.

 

Es spricht heute hier noch ein Minister zur Kooperation mit China, erzaehlt mir eine junge Frau, die schon in der ersten Reihe sitzt und wartet.

 

Nur ein paar Schritte weiter, auf der Plaza Bolivar gibt es eine grosse Menge an Frauen in meist roten T-Shirts, auf denen „Misión Madres del Barrio“ steht. Was das ist, wollen wir wissen. Eine von Ihnen, Jaidi (sprich: Heidi), erzaehlt voller Stolz, dass sie alle Frauen ohne Rechte und ohne Stimme in den Barrios gewesen seien. Nun haetten sie ein besseres, ein wuerdigeres Leben, waeren Teil der Gesellschaft und man nimmt sie nun ernst und akzeptiert sie ueberall. Sie helfen nun anderen Frauen und Kindern und alten Menschen in den Armenvierteln, den Barrios. Sie sind jetzt wer. Hugo Chavez waere deshalb ihr Liebster und Schatz. Jaidi (hier auf dem Foto mit dem gruenen T-Shirt) ist stolz und strahlt ueber das ganze Gesicht, als sie mir das alles erzaehlt. Sie sprudelt geradezu.

Auf der Internetseite steht, dass die Mision Madres del Barrio dazu dient, die oft in extremer Armut lebenden Muetter unterstuetzen und in die Prozesse der Gesellschaft einbeziehen soll. Sie bilden Komitees, waehlen ihre Repraesentantinnen und bringen diese in anderen politischen Bereichen der Buergerbeteiligung ein, wie zum Beispiel in den Consejos Comunales. Sie achten darauf, dass jeder etwas zu essen hat, dass die Kinder zur Schule gehen, sie achten auf die Gesundheit und die soziale Sicherheit Ihrer Comunidad.