El Sistema

Corora ist eine heisse Stadt mit einer sehr schoenen Altstadt im Kolonialstiel. Wir geniessen den Plaza Bolivar und schauen das „gelbe Haus“ an. Dort lernen wir den Bibliothekar Jesus kennen, der uns unter einem riesigen Mangobaum   erklaert, dass die Venezoelanische Gesellschaft nicht reif ist, um die Ideen von Chavez zu verstehen. Die gute Idee der Gemeinderaete in den Barrios, die eine Art kleine Regierung des Quartiers darstellen werden von den Leuten meist nur ausgenutzt. Es fehlt der Sinn des gemeinsam etwas Erschaffens, es fehlt die Bildung, die Ethik.Was sollen 11 jaehrige Muetter Ihren Kindern auch schon beibringen? (Venezuela hat eine der hoechsten Raten an Kinder-Muettern). Der Venezoelaner ist daran gewoehnt, unterstuetzt zu werden. Klar gewinnt Chavez die Wahlen, wenn nicht, wird die von ihm initiierte „Revolution“ (Die „Misiones“) scheitern, denn das Volk liebt ihn, Hugo, und misstraut den anderen Regierungsmitgliedern. Jesus nennt die Revolution in Anfuehrungszeichen, denn seiner Meinung nach ist die Politik von Hugo Chavez die Kontinuation der vorherigen Praesidenten und stellt keinen Bruch dar. Er selbst liebt den europaeischen Fussball der 80er Jahre. Es fehlt den Venezoelaner an Kultur, leider.
Obwohl sie gerade in Carora stolz auf ihren Beitrag zur Kultur sind: das erste Kinderorchester Venezuelas stamme aus Carora, gleich um die Ecke, erzaehlt uns Jesus. Diese Chance lassen wir uns nicht entgehen und wir stapfen tapfer durch die Hitze bis zur „Casa de la Cultura“ und treffen dort auf Luis Jose Riera, genannt „Chispa“.Er erklaert uns „El Sistema“ – anders als sonstwo ist der Musiker nicht der Protagonist, sondern die Gruppe und „das System“. Die Idee dahinter war urspruenglich, gerade die Kinder aus einfachen Verhaeltnissen von der Strasse in die Kulturzentren zu holen. Jeder bekommt gratis ein Instrument wenn er uebt und mitspielt. Inzwischen ist aus dem Sozialprojekt zusaetzlich ein Musikprojekt geworden. In Deutschland sind die Kinder und Jugendorchester durch Filme ueber den heutigen Dirigenten Gustavo Dudamel bekannt geworden, der auch schon die Berliner Symphonie dirigiert hat. Als Vater des „Systems“ gilt allein Antonio Abreu. Und das aergert Luis. Auch dass Carora und ihr Kinderorchester in keinem der Filem erwaehnt wird. Das empfindet er, der 1975 mit nur 9 Jahren dem Orchester beigetreten ist, als ungerecht.Denn der eigentliche Ursprung war hier, in Carora, in der Naehe von Barquisimeto. Der Chilene Sergio Miranda hatte in Chile in La Serena das erste soziale Kinderorchesterprojekt gegruendet. Als am 11. September (1973) der Putsch gegen Allende den Diktator Pinochet an die Macht bringt, verlaesst er Chile und kommt mit seiner Idee in der Tasche nach Venezuela. Dort hatte Juan Martinez 1965 das erste Kulturzentrum (Casa de la Cultura) gegruendet. Um die Idee von Sergio Miranda zu realisieren, gelingt es Juan Martinez, ein paar Erwachsene Musikbegeisterte zusammenzusammeln und mit diesen Konzerte zu veranstalten, um die Kunden zu begeistern und geld fuer das Projekt zu sammeln. So gruende sie 1974 das erste Kinderorchester in Venezuela, gleichzeitig das erste Orchester ausserhalb der Hauptstadt, wo sich sonst alle kulturellen Aktivitaeten Venezuelas konzentrieren. Sie geben 1975 Ihr erstes Konzert in Caracas (wie haben die Zeitungsartikel von damals gesehen), und Luis Chispa Riera ist dabei! Er ist neun Jahre alt und unglaublich aufgeregt und stolz. Jose ist auch heute noch ein Hansdampf auf allen Instrumenten, ein Mann, dem das Gleuck aus den Augen sprueht sowie er ein Instrument beruehrt. Nicht umsonst hat er den Spitznamen „Chispa“, was soviel wie „Pfeffer“ oder „Feuer“ bedeutet.   Antonio Abreu erfaehrt von dem Konzert und kommt gleich im Anschluss nach Carora, macht aus dem Einzelfall 1976 dann das beruehmte „System“, das inzwischen ueberall in ganz Venezuela existiert un dem der juengste Dirigent Gustavo Dudamel entsprungen ist.Und dann zeigt er uns die Musikschule. Zuerst die kleinen Zimmer, in denen alleine oder mit 2-3 anderen Kinden geuebt wird.   Aber schon bald das Herz der Schule, das Orchester. Heute, am Mittwoch, sind wenige Kinder da – nur halb soviele wie sonst. Als wir eintreten und er uns als Gaeste aus Italien und Deutschland ankuendigt spielen Sie die „Ode an die Freude“. Immer wieder, zweimal, dreimal, fuer uns. Ich bin bewegt. Die Atmosphaere ist magisch, der Eindruck stark. Es klingt teilweisefurchtbar schraeg, die musikalischen Ohren des Dirigenten muessen geduldig sein, aber das was man hoert ist umwerfend! Ich kann mir vorstellen, das die Kinder begeistern sind von diesem System: anstatt langweiligen Einzelunterricht und hin und wieder ein Konzert der Musikschule fuer Mami und Papi ist der Effekt hier, als Einzelner zu etwas Ganzem, etwas Grossem beizutragen, wichtig zu sein fuer die Gruppe. Toll!
Am Schluss fuehrt er uns dann zu den ganz kleinen – eine Art Kindergarten, in dem schon fuer die Musik und das Team begeistert wird. Das hier ist der Nachwuchs des Kinderorchesters. 🙂

Der Revoluzzer

Victor Martinez empfaengt uns um sieben Uhr Abends bei sich zu Hause. Er kocht uns eine Kaffee, einen Filterkaffee wie in Deutschland. Als ob er ahnte, dass wir fuenf Stunden bleiben wuerden…

Victor Martinez kommt aus einfachten Verhaeltnissen und ist ein Autodidakt. Fuer die Arbeiterklasse gab es nicht viel Bildungsmoeglichkeiten. Eigentlich kommt er aus der katholischen Jugend der sechziger Jahre. Doch er war schon immer ein Revoluzzer. Hat sich fuer Che Guevara begeistert. Hat keine Autoritaeten akzeptiert. Hat es bei der Feuerwehr nur ausgehalten, weil er dort etwas Sinnvolles tun konnte. Ist in die Gewerkschaft eingetregen und wurde schnell einer Ihrer Anfuehrer.  Er sagt von sich, ich bin ein typischer Llanero, wie Chavez auch, ein Rebell und ein grosser Improvisateur. Er glaubt nicht, dass man in Venezuela Veraenderungen durch Wahlen herbeifuehren kann, er glaubt an Gewalt, an einen Putsch.

Seit Anfang 1991 gibt es Geruechte, dass ein Militaerputsch stattfinden koennte. COMACATE, eine Geheimorganisation des Militaers hat sich konstitutiert, hat Kontakte zur FARC. Der Vater des heutigen Ministers fuer Kommunikation befindet diese jedoch zu radikal und gruendet in Barquisimeto eine „Allianza Revoucionaria de Movimentos Sociales“ (ARMAS). Ebenfalls eine Geheimorganisation der Armee. Den Kontakt zu Victor vermitteln die Priester. Doch wahrend diese noch diskutieren, ob die Militaers nicht zu rechts sind, putscht Hugo Chavez am 4. Februar 1992. Victor sieht am Morgen danach im Fernsehen, wie Chavez nach dem gescheiterten Putschversuch den Kameras sagt: Ich uebernehme die Verantwortung. Das beeindruckt ihn zu tiefst, da in diesem Lande noch nie jemand die Verantwortung fuer etwas uebernommen hatte.

Victor wird ein feuriger Anhaenger von Chavez. Fuer die Vorbereitung eines weiteren Putschversuches nimmt er eine Hypothek auf sein Haus auf, sehr zum Missfallen seiner Frau. Er kauft „Material“, lehrt 30-40 Personen wie man Molotiv-Cocktails und Radios baut, lehrt Stadt-Guerrilla-Taktik. Doch auch der zweite Putschversuch Ende 1992 scheitert. Viktor wird verhaftet, gefoltert (Hoden, Schlaege auf den Kopf) und nach wenigen Monaten wieder freigelassen. Er ist einer der Gruender des „Movimento Revolucionario Bolivariano“ von Barquisimeto und beherbergt sowohl Hugo Chavez, also auch einen anderen Politiker und damaligen Mitstreiter Reyes Reyes mehrfach in seinem kleinen Hause. Doch der Revoluzzer in ihm laesst ihn auch Chavez kritisieren. Seine groesster Vorwurf: es gibt keine Linie, kein Programm, Chavea selbst ist das Programm und das reicht nicht. Es kommt zum Zerwuerfnis, er wird ausgeschlossen.

Doch er ist beliebt und 2000 wird er als parteiloser fuer 4 Jahre ins Parlament gewaehlt. Nachdem er beim Putschversuch gegen Chavez 2002 zu diesem haelt, wird er wieder von Chavez aufgenommen. Doch er hoert nicht auf zu rebellieren, er kritisiert erneut. Diesmal die Korruption von Justiz und Polizei. Er klagt die Regierung an. Chavez verbannt ihn erneut. Diesmal endgueltig. Man isoliert ihn. Alte Parteifreunde distanzieren sich. Er wird 2004 fuer weitere 4 Jahre gewaehlt und arbeitet weiter daran, die lokale und regionale Korruption und die Verbindungen zum Drogenhandel aufzudecken und gegen Straflosigkeit zu kaempfen. Gegen Reyes Reyes. Der ist inzwischen Gouverneur vom Bundesland Lara (Hauptstadt Barquisimento) und verantwortet die Vergehen des Staates gegen seine Buerger. Reyes Reyes ist zusammen mit dem General Rodriguez Figuera verstrickt mit dem Cartel de Miraflores und dieses bedroht 2008 Victor zum ersten Mal des Todes. Weitere Drohungen folgen. Amnesty International appelliert in einer „Urgent Action“ an die verantwortlichen Behörden des Staates Lara.

 

Am 26. November 2011, es ist Abends und schon dunkel, Viktors Sohn geht nach draussen zum Auto. Seine Mutter sieht, wie er ploetzlich mit den Haenden in den Hosentaschen langsam rueckwaerts geht. Gleichzeitig sieht sie, wie ein Mann ebenfalls langsam rueckwarts geht, bis sie die Position vor der Tuer von Viktors Haus erreicht haben. Dann schiesst der Mann, zwei Mal. Mijail stirbt mit nur 24 Jahren weil sein Vater gegen die Maechtigen rebelliert. Die Inszenierung der Toetung ist ein klares Zeichen, sie gleicht einer Hinrichtung. Deshalb glaubt Victor auch nicht an die Schuld des dann verhafteten jungen Mannes aus armen Verhaeltnissen.

 

Er klagt an. Er sucht den Auftraggeber. Er setzt Gott und die Welt in Bewegung, blogged und erstellt ein Video. Das ganze Viertel haelt zu ihm.  Er sammelt Beweise, er findet die Taeter. Seither versucht er vor dem Gericht Recht gesprochen zu bekommen.  Im Maerz 2011 findet ein weiteres Attentat statt, diesmal auf ihn. Viktor beschuldigt Reyes Reyes dafuer verantwortlich zu sein. Am 23. Januar diesen Jahres (2012) erfolgt ein dritter Mordversuch. Er klagt oeffentlich an, in einem Zeitungsinterview. Er weiss, einen dritten Versuch wird es geben, aber er hat keine Angst.

Was gibt es Schlimmeres, als seinen Sohn zu verlieren, sagt er, der eigene Tod kann schlimmer nicht sein.

 

Nachtrag: in diesem am 28. Mai in der Tageszeitung von Barquisimeto veröffentlicheten Artikel hat Victor Martinez öffentlich dazu aufgerufen, gegen die Straflosigkeit und damit gegen Chavez zu stimmen. debemos-votar-contra-la-impunidad.pdf

Taxipiraten

Wir haben es heute nicht geschafft, aus Caracas abzureisen. Nachdem wir seit Samstag versuchen, einen Mietwagen zu bekommen, wollten wir heute um 11.30 mit dem Bus nach Barquisimeto fahren, doch auch das ist uns nicht gelungen, da alles ausgebucht war. So sind wir mit unseren schweren Taschen nicht weit vom Busterminal entfernt zu den Bekannten von Antonios Vater in Chacao gegangen und haben darum gebeten, die Taschen dort abstellen zu duerfen, was netterweise geklappt hat. Dann sind wir zu Hertz (das dritte Mal in 3 Tagen) und haben es dann endlich geschafft, fuer morgen frueh um 9 Uhr einen Wagen zu reservieren.

Dafuer waren wir dann am Nachmittag im Museum Bellas Artes und haben uns eine Ausstellung ARTE POLITICA angeschaut, mit Werken von Picasso und Gabriel Bracho, Luis Chacon sowie Fotografien von Luis Molina Pantin. Gratis. Fotos davon gibt es hier.

Sehr interessant waren heute unsere Erfahrungen mit dem Taxi in Caracas. Am morgen ist Antonio auf die Strasse gegangen, um ein offizielles Taxi zu suchen. Ich habe zu Hause mit dem Gepaeck gewartet. Wir wurden sehr oft gewarnt, nur Taxis mit den gelben Nummernschildern zu nehmen, da es viele „Taxipiraten“ gaebe. Deren einziges Ziel es ist, Kunden auszurauben oder „Express-Entfuehrungen“ durchzuefuehren. So haben wir immer Angst vor dem Taxifahren.

Naja und heute morgen, als wir dann in einem offiziellen Taxi sassen, hat uns der Taxifahrer gestanden, dass er bei Antonio nur angehalten haette, da dieser nicht wie ein Einheimischer sondern irgendwie anders aussieht. Sonst haette er nicht angehalten. Denn es gaebe viele falsche Kunden, die nur in ein Taxi einsteigen, um den Taxifahrer auszurauben oder, wenn er nicht genuegend Geld dabei hat, eine „Express-Entfuerhrung“ mit ihm durchzuefuehren. Na toll. Wir haben Angst vor ihm und er hat Angst vor uns.

Das gleiche ist uns heute Abend auf der Rueckfahrt passiert mit unserem Gepaeck wieder nach Hause: wir haben uns ein offizielles Taxi per Telefon rufen lassen und es kommt ein Privatfahrzeug, ohne gelbes Nummernschild. Der Ladenbesitzer in Chacao, bei dem wir die Taschen gelassen haben und der uns das Taxi besorgte, versichert uns, das alles ok sei. Wir also rein ins Taxi und gleich ein Gespraech anfangen, das kommt immer gut, dann ist die Hemmschwelle uns auszurauben vielleicht niedriger? Wir fragen also, was dies fuer ein Privattaxi sei? Er erklaert uns, dass diese Taxis nur auf Bestellung ueber eine Zentrale kommen, alles wird dokumentiert, wer anruft und wohin das Taxi bestellt, welcher Taxifahrer kommt, etc. Eigentlich wie bei uns in ALEMANIA. Zur Sicherheit. Denn die Taxifahrer haben Angst. So auch er. Sie haben Angst vor uns und wir vor ihnen. Gerade ist auch ein Buch erschienen: Caracas aus der Sicht der Taxifahrer.

Ende gut, alles gut: wir sind heute Abend auf der Geburtstagsfete der Freundin von Cesar, in dessen Wohnung wir leben und es gibt Whisky!

Der Berg Avila

Sonntag morgen Ausflug – zuerst nach La Hatilla, Cachapas essen, Maisfladen, die mit allerlei Koestlichkeiten gefuellt werden, dann mit dem Jeep, Allradantrieb, bei teilweise 25% Steigung auf ueber 2000 Meter Hoehe. Dort ist es fuer hiesige Verhaeltnisse kalt: nur 21 Grad. Deshalb tragen einige Erwachsene Handschuhe oder Muetzen, die Babies sowieso… 🙂

 

Der Anarchist

Rafael Uzcátegui ist ein venezoelanischer Anarchist und er hat einen eigenen Blog. Er arbeitet in der Menschenrechtsorganisation PROVEA. Er ist weder ein Anhaenger von Chavez, noch einer der Opposition. Er steht bei beiden Lagern auf der schwarzen Liste. Der Dialog mit der Opposition ist schwierig: fuer die ist er ein Anhaenger von Chavez, ein Chavista. Der Dialog mit der Bolivarianschen Bewegung jedoch ist auch sehr emotional. Fuer die ist er ein Imperialist und ein Anhaenger der Opposition. Dabei ist er einfach nur Anarchist. Er geht nicht waehlen. Er ist kritisch und unabhaengig. Nein, es gibt hier keine Diktatur. Es gibt aber auch keine Revolution hier, sagt er.  Wir sollen ins Landesinnere fahren, weg von Caracas, denn dort sei die Bewegung Simon Bolivar viel authentischer als in der Hauptstadt. Er spricht mehrere Stunden mit uns und es ist hochinteressant. Am Schluss vermittelt er uns weitere Gespraechspartner aus allen Lagern, damit wir uns selbst ein Bild machen koennen, sagt er.

Einmal mehr bekomme ich den Eindruck, dass Venezuela vielschichtiger, vielfaletiger, widerspruechlicher und komplexer ist, als es der Blick aus dem Ausland erkennen laesst.

 

Am Dienstag, 12. Juni 2012, um 19.30h haelt Rafael einen Vortrag in Deutschland, im Allerweltshaus (Körnerstr. 77) in Köln ueber die zunehmende Militarisierung Venezuelas.
Dort wird er so angekuendigt:

Rafael Uzcátegui lebt und arbeitet in Caracas. Er koordiniert die
Recherchen bei Provea (www.derechos.org.ve), einer venezolanischen
Menschenrechtsorganisation, und ist seit 1995 Mitglied des

Herausgeberkollektivs der anarchistischen Zeitschrift El Libertario
(www.nodo50.org/ellibertario/), die sich der Verbreitung der Aktivitäten
der unabhängigen sozialen Bewegungen Südamerikas verschrieben hat. Er

ist Autor der Bücher „Herz aus Tinte“ und „Venezuela: Die Revolution als
Spektakel. Eine anarchistische Kritik der Bolivarischen Regierung“. Seit
2009 ist er Mitglied im Rat der War Resisters‘ International, WRI.

Tio Pepe

Am Freitag waren wir zu Besuch bei Onkel Pepe, „Tio Pepe“. Auch er lebt in Petare, nicht weit von seiner Schwester entfernt. Er arbeitet dort als Maurer und lebt zusammen mit seiner Nichte Leo in einer Huette in der er weder Strom noch Wasser zahlt. Der andere Bruder, Onkel Maco, war auch zu Besuch da, auch er wohnt nur ein paar Hundert Meter weiter. Die beiden koennten verschiedener nicht sein: Tio Maco, verheiratet seit Jahrzehnten mit der gleichen Frau, ein ruhiger Typ, keine Kinder. Gelbe Muetze. Tio Pepe, rote Muetze.

Tio Pepe? Tio Pepe sammelt Bierflaschen, hat ein paar Raritaeten.

Und er sammelt Frauen. Er hat 6 Kinder von ebensovielen Frauen, 16 Enkelkinder und einen Urenkel. Frauen sind wie Kirchen, sagt er. Es gibt nur eine Kathedrale, aber viele Kirchen und Kapellen in die Du gehen kannst! Wer sich an den alten Mann in Buena Vista Social Club erinnert, kann sich Tio Pepe gut vorstellen. Er nennt die Frauen mit einem Augenzwinkern „seine Opfer“, duscht und parfumiert sich nach der Arbeit und als der Platzregen vorbei ist, ziehen wir los. Jeder Mensch, den wir auf unserem Weg nach unten treffen, kennt Tio Pepe. „Hola Pepe! Como estas, Pepe?!“ Am Fusse von Petare gibt es einen Kiosk, hinter der Barrikaden verkaufen zwei Frauen Alkohol. Bier, Rum, Whisky. Die schwarze da, La Negrita, ist mein naechstes Opfer, sagt er. Sie hat nur Augen fuer mich! freut er sich ueber ein Laechlen der dreissigjaehrigen, nur ist gerade so viel los, da passt es nicht.

Tio Pepe ist ein Libertin. Ein Freigeist. Ein Ungebundener. Deshalb stoert ihn an Chavez der Paternalismus. Die Agressivitaet. Der mangelnder Respekt seiner Anhaenger gegenueber den politische Gegnern. Der Umgang mit den Menschenrechten. Der Populismus. Dennoch erkennt er an, dass Chavez die METRO bis nach Petare bringt. Klar, vor den Wahlen im Oktober, damit ihn die Menschen auch waehlen. Dennoch stoert es ihn, dass alle denken, er haette die Seite gewechselt, nur weil Antonio ihm, dem grossen Fussbalfan, eine rote Muetze des Bayern Muenchen geschenkt hat. Rot ist die Farbe der Chavez Anhaenger und er traegt seine alte rute Muetze nur zum Arbeiten, nicht zum Ausgehen. Nicht so die neue von Bayern Muenchen! Und wie sollte es auch anders sein: seine Kumpels fragen ihn gleich: und, bist Du jetzt auch Chavista?

Das Parlament

Wir hatten heute das Privileg, das Parlament von innen zu sehen! Man beachte: Jeder der 167 Abgeordneten hat ein Notebook auf seinem Platz. Daneben Bilder des Lesesaals der Bibliothek und das Capitolio vom Innenhof aus fotografiert.

Supermarkt und Sit-in

Tag zwei, wir gehen einkaufen. Shampoo, Balsam, Duschgel, Niveakoerpercreme, Nagellackentferner und Watte, Zwiebeln, Tomaten, Kekse, Thunfisch  und Pasta. 460 Bolivares. Fast 100 Euro. Fast alles importiert. Nur die Kekse sind aus Venezuela. Und der Thunfisch. An der Kasse werde ich nach meinem Personalausweis gefragt. Personalausweis? Ich bin Touristin, sage ich, habe keine ID Card. Na dann den Pass, sagt sie. Ich zeige Ihr den Pass, sie tippt meinen Namen und die Passnummer ab. Wozu das? frage ich nicht nur mich, sondern auch sie. Das ist Vorschrift der Regierung. Aber warum, will ich wissen. Das kann sie mir auch nicht erklaeren.

Empoert verlasse ich den Supermarkt und nehme die gelegenheit beim Schopfe, dass ja am Eingang zu unserer bewachten Zone immer Frauen unter einem Zeltdach sitzen. Sie frage ich gleich, was es damit auf sich hat. Naja, sagt die eine, boese Zungen behaupten, das sei ein Weg der Regierung Chavez, die Buerger zu ueberwachen. Aber wozu, will ich wissen, was denn uberwachen? Wieviele Eier sie kaufen? Nein, wieviel Geld sie ausgeben. Damit nicht diejenigen Unterstuetzung beantragen, die eigentlich keine verdient haben, weil sie so viel im Supermarkt ausgeben. Sagt die eine. Die andere erwiedert, sie koenne sich nicht vorstellen, dass diese Daten irgendwie auswertbar seien. Ausserdem gaebe es doch Steuererklaerungen.

Da wir nun schon im Gespraech sind: was machen Sie hier eigentlich unter Ihrem Zeltdach? Nun wird es interessant. Sie sind hier seit einem ganzen Jahr. Sie protestieren gegen die Verstaatlichung eines Grundstuecks. Auf dem nun Viviendas, Wohungen gebaut werden sollen, fuer 2000 Personen. Dabei leben in diesen 8 Hauerserbloecken bereits zweitausend Personen. Und die Infrastruktur reicht nicht richtig fuer diese. Wasser, Abwasser, Metro, Bus. Wie sollen da noch 200 Menschen mehr reinpassen? Deshalb der Sit In. Deshalb die Sperrung der Zone. Nicht aus Sicherheitsgruenden, sondern um zu verhindern, dass hier LKWs mit Baumaterial reinfahren. Deshalb zahlen sie die privaten Waechter. Deshalb die Gatter. Die Absperrung. Ein netter Nebeneffekt ist, dass die Sicherheit auch erhoeht wurde. Aber das eigentliche Ziel ist es, den Bau der Wohnungen zu verhindern. Gut organisiert sind sie. Sogar ein Wireless Telefon steht auf dem Tisch.

Der Verein heisst ASOCIRE I – Consejo Comunal Juan Cardon und ist hier im Internet zu finden.

Chacao

Chacao ist das Little Italy von Caracas. Hierher kamen die aus Italien in den fuenfzigern eingewanderten Italiener. So auch Antonios Vater. Er war als Schuster in einer kleinen Schuhfabrik angestellt. Hatte einen tollen Job: immer wenn den Damen die Einzelanfertigungen ausgeliefert wurden, war er es, der vor ihnen kniete und das neue Stueck ueber die zarten Fuesse streifte. Wir suchen heute am Tag zwei der Reise Signor Palumbo, den Bruder des Besitzers der Fabrik. Antonio erinnert sich ungefaher, wo der Laden war. Wir fragen uns durch, bei einem anderen Schuster. Rothaarig. Baertig. Ja, er kenne ihn. Nein, den Laden gibt es nicht mehr. Aber einen Freund von Palumbo, Castro, den gibt es noch, dort sollen wir fragen. Eine Strasse weiter. Wir finden Castro. Er sagt, Palumbo sei gerade in Italien. Castro ist Portugiese, hat drei Toechter und einen Papier-Laden. Klopapier, Papierbecher, Papierteller. Nein, er war schon lange nicht mehr in Europa. Warum auch. Er kenne niemanden mehr dort. Und nach zwei Wochen fuehle er sich unwohl, fehl am Platze. Hier sei sein zu Hause. Es sei schwieriger geworden site ein paar Jahren, alles viel  teurer. Viel mehr Menschen. Sie vermehren sich wie die Karnikel. Und dann die Flut an Einwanderern! Nicht die aus Europa, sondern aus den anderen suedamerikanischen Laendern. Sagt er, ein Einwanderer. Er und sein Freund Jose Luis, der Fernseher und Zubehoer verkauft und mit uns einen Espresso trinken geht

Auf dem Rueckweg freue ich mich zum ersten Mal, dass mich andere Menschen immer wieder fuer schwanger halten: es wird mir Platz gemacht in der Metro, denn Schwangere sind wie Behinderte bevorzugt zu behandeln und ich nehme diesmal dankend an: die Metro ist brechend voll, teilweise fahren Zuege vorbei, da eh keiner mehr reinpasst und drinnen, drinnen ist es so, wie man sich das Leben einer Oelsardine vorstellt: eng, Leib an Leib und glitschig, denn draussen ist es heiss, mehr als dreissig Grad. Die Fahrt von Chacao, was im Zentrum liegt, zu unserem Viertel Montalban dauert mit Metro und Metrobus eineinhalb Stunden, zweimal umsteigen inbegriffen.

Misiòn madres del Barrio

Heute sind wir in die Innenstadt gefahren. Auf dem haesslichen Caracas Platz gab es mal wieder ein Zelt mit wartenden Menschen darunter. Ah, das sei gar nichts, heute frueh haetten hier tausende aus ganz Venezuela auf Ihr Universitaetsdiplom gewartet, erklaert mir ein Mann, der mit seiner Tocher hier ist. Aha. Das gibt es also im Freien. In Florenz haben wir damals fast 2 Jahre auf unser Diplom gewartet, auch das waren lagen Schlangen, ich erinnere mich, allerdings teilweise drinnen, teilweise auf dem Innenhof.

 

Weiter Richtung Plaza Simon Blivar treffen wir auf grosse Aufsteller, die die Kooperation zwischen Venezuela und China dokumentieren, vor allem im Bereich Energie.

 

Es spricht heute hier noch ein Minister zur Kooperation mit China, erzaehlt mir eine junge Frau, die schon in der ersten Reihe sitzt und wartet.

 

Nur ein paar Schritte weiter, auf der Plaza Bolivar gibt es eine grosse Menge an Frauen in meist roten T-Shirts, auf denen „Misión Madres del Barrio“ steht. Was das ist, wollen wir wissen. Eine von Ihnen, Jaidi (sprich: Heidi), erzaehlt voller Stolz, dass sie alle Frauen ohne Rechte und ohne Stimme in den Barrios gewesen seien. Nun haetten sie ein besseres, ein wuerdigeres Leben, waeren Teil der Gesellschaft und man nimmt sie nun ernst und akzeptiert sie ueberall. Sie helfen nun anderen Frauen und Kindern und alten Menschen in den Armenvierteln, den Barrios. Sie sind jetzt wer. Hugo Chavez waere deshalb ihr Liebster und Schatz. Jaidi (hier auf dem Foto mit dem gruenen T-Shirt) ist stolz und strahlt ueber das ganze Gesicht, als sie mir das alles erzaehlt. Sie sprudelt geradezu.

Auf der Internetseite steht, dass die Mision Madres del Barrio dazu dient, die oft in extremer Armut lebenden Muetter unterstuetzen und in die Prozesse der Gesellschaft einbeziehen soll. Sie bilden Komitees, waehlen ihre Repraesentantinnen und bringen diese in anderen politischen Bereichen der Buergerbeteiligung ein, wie zum Beispiel in den Consejos Comunales. Sie achten darauf, dass jeder etwas zu essen hat, dass die Kinder zur Schule gehen, sie achten auf die Gesundheit und die soziale Sicherheit Ihrer Comunidad.

Venezuela 2012 – Petare

Tag eins der Reise fuehrt uns gleich zu Antonio’s Familie nach Petare. Petare liegt ganz im Osten der Stadt und ist eines der Viertel, die in Brasilien Favelas, hier Barrios, in Indien Slums genannt werden. 1995 lebten in Petare geschaetzt 1 Million Menschen. Heute sind es 3 Millionen. Wilder Wohnungsbau, kein System, jede Strasse koennte eine Sackgasse sein, ohne Fuehrer bist Du hier verloren. Viele Treppen, denn die grossen Barrios liegen immer an den Haengen (und sind deshalb Erdrutsch anfaellig). 1995 wurden dort illegal und kostenlos die weiter oben am Hang liegenden Wasserleitungen angezapft, ebenso die Stromleitungen. Hier hausen war kostenlos.

Heute besuchen wir die Tante von Antonio, die schwer krank ist. Was sie hat, weiss keiner so genau – etwas am Herzen, etwas an der Lunge, dazu Osteroporose, sie solle mehr essen, sagen die Aerzte, mehr Mineralien, ihre Knochen seien so zerbrechlich. Sie isst wenig bis gar nichts, wird immer kleiner und duenner. Ihre Tochter hat die Arbeit hingeschmissen, um die Mutter zu versorgen: Arztbesuche, Einkaeufe, Haushalt.

Wir steigen am Fuss von Petare aus, an der letzten Metrostation. Chaos. Laut. Autos, Motorraeder, Busse, alles hupt und stinkt, tausende von Menschen, viele kleine improvisierte Verkaufsstaende, an denen Waren schwarz feilgeboten werden. Klar, dass wir nicht alleine hierhergekommen sind, wir waeren verloren! Antonio’s Cousine Janina hat uns an (in) der Metro abgeholt, zusammen mit ihrem Mann Wilton. Wir reihen uns nach kurzem Fussweg in eine lange Schlagen von Menschen ein, die alle auf den gleichen „Por Puesto“ warten: einen kleinen Privatbus – in unserem Falle ein alter Militaerjeep – in den bis zu 10 Personen einsteigen. Jeder zahlt dem Fahrer waehrend der Fahrt (wie macht er das blos? Multitasking?) 3 Bolivares. Er faehrt immer die gleiche Strecke und jeder kann sagen, wann er aussteigen moechte. Es gibt keine festen Haltestellen. Wir fahren eine steile, geteerte und enge Strasse bergaufwaerts, mehrmals kommen uns andere Porpuestos entgegen und ich bete, dass unsere Bremsen nicht versagen, denn die Steigung ist gefuehlte 40%. An der steilsten Stelle ruft Janina – halt, wir steigen hier aus!

Noch ein paar Treppen zu Fuss und dann sind wir da. Miriam weint vor Freude, als sie uns sieht. Die Wohnung ist einfach aber sauber, adrett und … sie hat Internet! Hier ein Bild vomWohnzimmer:

Das Wohnzimmer

Das Kabel geht durchs Fenster zum Nachbarn, dem zahlen sie eine Monatsgebuehr. Inzwischen, erfahren wir, zahlen sie auch fuer das Wasser und die Elektrizitaet. Wir bekommen eine heisse Suppe, mit Fleisch und Gemuese darin, dazu gibt es Reis und Yuca. Vor dem Essen laeuft eine DVD, auf italienisch, fuer uns. Ein Werbefilm fuer die Zeugen Jehovas. Janina und ihr Mann, aber auch die Tante von Antonio, sind Zeugen Jehovas. Der Film vermittelt, wie gross und professionell die Organisation ist. Vermittelt Ordnung, Ruhe, ein sicherer Hafen. Das ist attraktiv fuer die Menschen, die hier in Petare im Chaos, ohne Sicherheit und Ordnung leben. Alle Buecher im Hause sind von den Zeugen Jehovas.

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Vom Wohnzimmer aus geht es auf einen Balkon, von dort sieht man die Hauser darunter.

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Es wird schnell dunkel hier – schon um sechs ist alles schwarz. Wir lassen uns wieder zur Metro begleiten, den Foto gut versteckt. Auf dem Fussweg nach unten kommen wir an einem Typ vorbei, der eine Machete in der Hand hat und laut damit auf irgendwas schlaegt, um Laerm zu machen und Angst. Ich habe erstaunlicherweise keine Angst. Das gilt nicht uns. Trotzdem bin ich froh, als wir heil an der Metro angekommen sind, und nicht am Staub der rund-um-dieUhr Bauarbeiten erstickt sind, die bis zum Sommer eine weitere Metrostation fertigstellen sollen, die hier noch weiter nach Petare reinfuehrt. Auch hat uns keines der Motorraeder ueberfahren, die in der engen Gasse zur Metro ruecksichtslos aufs Gas druecken. Das hat mich dann schon an Napoli erinnert, an die „SpaccaNapoli“. Puh, erschoepft falle ich um neun ins Bett!

Venezuela 2012 – Wir sind angekommen!

Nach 10 Stunden Flug von Frankfurt nach Caracas sind wir endlich da! Wir verlassen die Sicherheitszone des Flughafens und Antonio, ganz Kavalier, schiebt meinen grossen bunten Bluemchenkoffer zur Telefongesellschaft, um eine venezoelanische SIM Karte zu kaufen. Ich trotte hinterher. Auf dem Weg dorthin wird er mehrfach angesprochen, Geld tauschen? Taxi? vermute ich – nein. Die Leute lachen, weil sein Koffer so schwul aussieht und er immer wieder auf mich zeigen und versichern muss, es sei meiner! 😉

(A propos schwul: heute frueh finde ich eine Anzeige einer Regierungs-Institution in der Zeitung: „Homosexualitaet ist keine Krankheit, Homophobie hingegen schon“.)

Wir kaufen fuer 50 Bolivares eine SIM Kard und laden diese fuer weitere 50 Bolivares auf. 50 Bolivar sind ca. 10 Euro.  Jetzt sind wir stolze Besitzer einer venezoelanischen Handynummer! Hier ist sie:  null null fuenf acht, vier eins zwei, neun zwei acht, null zwei drei zwei.

Ein vorbestellter Taxifahrer wartet auf uns mit einem Schild. Da wir wissen, wie er heisst, lassen wir uns zur Sicherheit seinen Namen sagen, denn es soll schon vorgekommen sein, dass ein anderer schlauer, einfach den Namen abgeschrieben, und sich weiter vornehin gestellt hat, um die Touristen dann gleich in seinem Taxi abzuschleppen. Unser „Senor Mata“ nimmt leicht angewiedert den bunten Bluemchenkoffer und rennt (damit ihn keiner seiner Macho Kollegen sieht?) zu seinem Wagen, mit dem wir dann benebelt durch die Abgase der Busse losfahren. Senor Mata wirkt sehr sympathisch und das ist er auch, stellen wir schnell fest.

Wir waren das letzte Mal 1995 hier, fange ich ein Gespraech an….  Ja, da hat sich viel verandert! Wir werden Caracas nicht wiedererkennen! geht er gleich darauf ein. Ist es besser oder schlechter geworden? Es ist schlechter geworden, wegen dieser Regierung, diesem Praesidenten, der jetzt hoffentlich abgewaehlt wird, schnaubt er. Er sei von Anfang an gegen Chavez gewesen, haette ihn noch nie gewaehlt. Was denn schlechter sei? Die Strassen zum Beispiel, flucht er. Ich verkneife mir zu sagen, dass diese in der Basilikata auch nicht besser sind und 1995 ueberall die Dohlen-Deckel gefehlt haben (siehe Beitrag unten). Ausserdem haette die Kriminalitaet zugenommen, es sei unertraeglich und wir sollten aufpassen, abends nicht weggehen.

Wir fahren an mehreren Grossbaustellen vorbei. Viviendas, Wohnanlagen werden hier gebaut, um den Opfern eines Erdrutsches im Armenviertel, ein neues Heim zu geben. „Opfern in Anfuehrungszeichen“, sagt Senor Mata. Wir fragen nicht, was er meint. Antonio leidet schon genug unter diesem geballten Anti-Chavismus. „Du bist der Sozialismus, der diese Werke realisiert“ steht auf einem Plakat: „20% Deiner Steuern fliessen in Bildung, sozialen Wohnungsbau, Aerztliche Versorgung“. Erinnert ein bisschen an Kuba, was da so auf den Waenden steht.

El Mata bringt uns nach Montalban, wir suchen gemeinsam eine Viertelstunde lang die Adresse, denn es gibt hier keine Hausnummern, sondern die Haeuser haben Namen: Maria, Isabel, oder El Gota. Ah! Wir sind in einer „bewachten Zone“, die Strasse ist mit einem hohen Zaun gesperrt, vorbei darf nur, wer dem Waechter koscher vorkommt. Das tun wir. Wir passieren, und finden dann auch den Eingang, Cesar kommt runter und begruesst uns. El Senor Mata bekommt 50 Dollar und empfiehlt sich fuer die Rueckfahrt.

Cesar nimmt uns vor dem Eingangstor in Empfang und informiert gleich nach dem Tor die giessende Hausmeisterin, dass wir sein Besuch sind. Ich schaue nach oben: bis ganz oben sind die Fenster vergittert! Wir betreten den Hausflur, durch eine verschlossene Glastuer. Der Aufzug faehrt nur mit einem Chip, dann kommt ein aufzuschliessendes Eisengatter vor der Haustuer, dann die Haustuer selbst. Dann sind wird da! Ein grosse Wohnung voller Luft und Licht!

Links das Wohnzimmer, in der Mitte die elektrische Art, Warmwasser zu erzeugen, rechts der Blick aus dem Fenster.