Amöbenruhr & Heimreise

Heute bin ich krank und zu Hause: seit gestern Abend Durchfall, der heute immer schlimmer wurde. Wir haben morgens noch gemeinsam den Mietwagen abgegeben, alles ok, der halb volle Tank hat ueberhaupt keine Rolle gespielt, da hier ein ganzer Tank Benzin ja nur 1 Euro kostet. Mittags bin ich dann alleine mit einem offiziellen und teuren aber sicheren Taxi nach Hause gefahren und habe mich ausgeruht, Kamillentee getrunken um die Bauchkraempfe zu beruhigen. Hoffentlich ist es morgen besser, denn auf Reisen mit Durchfall ist nicht schoen. Obwohl hier die meisten Toiletten wirklich sehr sauber sind. Es gibt aber auch welche, die dreckig sind und kein Wasser haben. Seife gibt es auch in den sauberen fast nie, so habe ich mir angewoehnt, eine eigene kleine Seife mit mir herumzutragen, sowie jede Menge Kleenextuecher, denn Klopapier gibt es auch nicht ueberall und das Papier schmeisst man bz the way nicht ins Klosett, sondern in einen neben ebendiesen stehenden Behaelter, damit ersterer nicht verstopft…

Update:

Heute Nacht hohes Fieber, Kraempfe und Durchfall wie Wasser alle 20 Minuten. Heute frueh zum Arzt, dann ins Labor. Ergebnis: AmöbenruhrNa toll. Antonio ist auf dem Weg in die Apotheke, damit wir die Viecher tot kriegen bevor sie die Darmwand durchbrechen…
Interessant: die sehr starken, systematischen Antibiotika gegen Amöbenruhr kosten gerade mal 1 Euro, die „normalen“ Antibiotika hingegen, die einem verabreicht werden, um Nebeninfektionen zu vermeiden sind hingegen sehr teuer, eine Packung 80Euro!
Wir haben vor Reiseantritt eine Reiseversicherung bei der Hans Merkur abgeschlossen. Wie jedes Mal, seit 20 Jahren. Diesmal neu: eine Jahresversicherung fuer alle Reisen in diesem Jahr. Kostet 49 Euro. pro Person. Da ich nun verstaendlicherweise frueher zurueckfliegen moechte, um mich im Tropeninstitut in Tuebingen kontrollieren und nachbehandeln lassen mochte, habe ich uber das Reisebuero angefragt, ob das die Versicherung abdeckt. Diese hat sich nun eingeschaltet und mit mir telefoniert. Uebrigens nicht die Hanse Merkur selbst, sondern die ROLAND Assistance GmbH, wahrscheinlich der Outsourcer fuer die Abwicklung.Der Arzt aus Deutschland hat mit dem Arzt hier telefoniert. Die Kur, die mir zuteil wird ist richtig und gut. Laut IATA Vertraegen ist es aber nur gesunden Patienten erlaubt zu fliegen, die Fluggesellschaft kann jederzeit den Transport von kranken Patienten ablehnen. Die Versicherung muss der Fluggesellschaft melden, dass ich krank bin und wann ich wieder gesund bin. Sollte das bis Montag nicht der Fall sein, muss ich noch laenger hier bleiben und spaeter fliegen. Diese Kosten uebernimmt dann die Versicherung.
Heute sind wir fuer die hoffentlich letzten drei Tage ins Hotel umgezogen. Ins „Casa Infinito“ in dem Bezirk Alta Florida. Der Grund: seit gestern Abend gab es in der Wohnung unseres Freundes weder Wasser noch Gas, auch heute nicht, es werden Wartungsarbeiten durchgefuehrt. Heute Nacht haben wir uns sehr erschrocken, da es ganz in der Naehe eine Gasexplosion gab, die so laut war, dass wir beide davon aufgewacht sind.
Inzwischen geht es mir besser, mein Darm hat sich beruhigt und ich mich auch. Meine Gemuetslage ist auch wieder etwas besser, ich will zwar immer noch schnellstmoeglich nach Hause, habe hier aber in dieser Posada das erste Mal seit 3 Wochen, eine Dusche, die sofort warmes, nein, sogar heisses Wasser UND dazu noch einen hohen Wasserdruck bietet; die Betttwaesche ist strahlend weiss und gebuegelt (!), alles sauber, wir haben eine fantastischen Blick ueber die riesige Stadt und auf den Berg Avila und es ist verhaeltnismaessig ruhig. Es gibt eine schoene von Bougainvillen ueberwachsene Veranda und eine Terasse zum Sonnenbaden. Die Posada gehoert einem Italiener, der in La Hatilla ein Antitquitaetengeschaeft hat – sieht man mal wieder die Europaeische Hand? Wir haben hier auch eine weiblich-familiaere Atmosphaere gefunden, die mir gut tut. Hier vor Ort sind 6 Frauen: 3 Gaeste: die zukuenftige Schoenheitskoenigin Venezuelas, die sich gerade die Nase hat operieren lassen und dementsprechend ein furchtbar entstelltes Gesicht hat, das sie vor der Aussenwelt verstecken will, ihre Mutter und eine weitere unbekannte Schoene, die Koechin oder Chefin, eine zweite Koechin und Ihre Tochter. Die Atmosphaere in der Kueche, wo wir Frauen uns aufhalten (ich wollte nach dem Schlaf einen Kaffee) ist warm und herzlich und sie tut mir gut. Es wird getratscht und es wird erzaehlt und Anteil genommen, zum Beispiel am Rosenkrieg der juengeren Koechin mit ihrem Ex Ehemann (Streit ums Kind). Ich fuehle mich hier wohl und sicher und ich bin zuversichtlich, am Montag endlich in den Flieger  nach Hause zu steigen.
Nie habe ich mich so auf zu Hause gefreut wie dieses Mal!

Heimreise

Wir sitzen am Gate. In ein paar Stunden geht es los. Was ich noch nicht weiss: wir werden direkt vor dem Einstieg von der Militärpolizei in eine Frauenschlange und eine Männerschlange getrennt. Direkt am Flugzeug werden wir Frauen von Militärpolizistinnen oberflächlich untersucht, scheint eher eine Show als eine ernsthafte Sicherheitskontrolle zu sein. Trotzdem liegen meine Nerven blank, denn ich bin von Antonio getrennt und habe Angst, dass er aufgehalten wird. Beim Besteigen der Lufthansa Maschine fühle ich mich einerseits erleichtert und sicher, andererseits habe ich große Sorge um Antonio. Ich bitte den Stewart, nicht zu starten, bevor mein Mann, den ich ih kurz beschreibe, an Board ist und nenne ihm unsere Sitzplätze. Er sieht meine Angst und verspricht es mir. Nach einer Viertelstunde kommt er zu mir, um zu checken, ob Antonio inzwischen da ist. Da habe ich bereits einen Nervenzusammenbruch und heule. Ich sage ihm, dass ich wieder aussteige, wenn Antonio nicht unter den Passagieren ist. Nach weiteren unendlich langen Minuten kommt Antonio dann strahlend zu mir und erzählt, ein Steward hätte ihn angesprochen, dass seine Frau schon sehnsüchtig auf ihn warte – was denn los wäre? 
Naja, mein Nervenkostüm war wohl sehr dünn nach der Erfahrung mit den (Un-) Sicherheitskräften (siehe Eintrag Polizeipiraten), geschwächt durch meine Krankheit. Nun freu ich mich auf Wasser und Seife auf den oeffentlichen Toiletten. Strassen ohne Schlagloecher und massenweise zerquetschte und enthaeuptete Hunde. Rechtssicherheit. Frische Luft. Angstfreies Ausgehen. Laugenweggle mit Butter 🙂
Vermissen werde ich: Die netten Menschen. Das angehme Klima. Die faszinierende Natur. Die Vorurteilsfreiheit und Neugier der Menschen. Die Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit. Die schwarzen Bohnen. 

Rassismus und Diskriminierung

Wieder einmal die Herausforderung Taxi: Antonio will mit der Metro zu seiner Familie und ich alleine mit dem Taxi zurueck nach Hause. Antonio begleitet mich zu einer Taxigesellschaft, die zu einem Einkaufszentrum gehoert und uebergibt mich dem Taxifahrer; man scherzt ueber Sicherheit. Ich steige ein, wir kommen ins Gespraech und als der Fahrer erfaehrt, dass ich Deutsche bin fragt er: Stimmt es, dass es in Deutschland viele Rassisten gibt? Das muss ich ihm leider bestaetigen. Nicht von Seiten der Regierung oder der Politik, auch keineswegs die Gesetzgebung. Aber seien wir ehrlich: es gibt leider viel zu viele Menschen mit Vorurteilen in Deutschland, es existiert ein latenter Rassismus und es ist keineswegs egal, welche Hautfarbe, welche Nationalitaet, welchen Koerperumfang und in juengster Zeit vor allem leider nach nur 60 Jahren schon wieder, welche Religion man hat. Wir diskriminieren immer noch, vielleicht unterbewusst.Das ist  hier anders. Ich habe noch kein Land erlebt, in dem es so egal ist wie hier, ob Du dick oder duenn, gross oder klein, schwarz oder weiss, Christ oder Moslem bist. Vielleicht liegt es daran, dass dieses Land eine schwach ausgepraegte eigene Kultur hat und es keine klare Vorstellung von „dem Venezoelaner“ gibt.Man wird voellig „indiskriminiert“ behandelt, das hat viel Gutes, es macht das Miteinander einfacher, offener, geloester. Tatsaechlich sind alle Begegnungen hier bisher immer frei und angenehm verlaufen, die Menschen sind herzlich, gastfreundlich, nett, offen und neugierig auf „das Andere“. Selbst der oben erwaehnte Taxifahrer liess sich ueberzeugen, dass es zwar im Vergleich zu Venezuela viel mehr Vorurteile und Rassismus in Deutschland gibt, aber dass er nicht so schlimm ist, wie es in den Filmen, die er erwaehnt hatte und aus denen er sein Wissen bezogen hatte, immer dargestellt wurde. Er hatte einfach viele Fragen und wollte etas ueber Deutschland lernen. Das wuerde ich mir in Deutschland auch etwas mehr wuenschen.Doch leider trifft das „indiskriminierte“ auch auf die Ueberfaelle zu. Diese verschonen keinen: schwarz oder weiss, arm oder reich, jung oder alt, Tourist oder Einheimischer: alle werden zu Opfern.  Wir haben inzwischen live miterlebt, wie es auch den Sohn eines (anderen) Taxifahrers erwischt hat, von der Polizei ausgeraubt zu werden. Und jeder (!) dem wir das erzaelt haben, war ebenfalls schon Opfer dieser „behoerdlichen Eingriffe“ in den Geldbeutel.

Der Chavista

Unser Gastgeber und seine Freundin sind „Chavistas“, Anhaenger von Chavez. Nicht von Anfang an. Sondern seit dem „Paro Petrolero“. Das war 2002, als die Chavez Gegner einen Streik in der Oelindustrie durchgefuehrt hatten. Viele Unternehmen sind damals Konkurs gegangen, er und seine Freundin wurden entlassen. Seine Geschwister wurden ebenfalls arbeitslos. Die einzige Einnahmequelle damals war die von Chavez eingefuehrte Rente fuer alle. So konnten er, seine 3 Brueder und seine Mutter ueberleben. Dafuer ist er Chavez immer noch dankbar. Seither arbeitet er in der IT Abteilung des Parlaments.

Es stimme nicht, dass alle, die im oeffentlichen Sektor arbeiten, Chavez Anhaenger seien. Ueber 60% der Angestellten des Parlaments seien Chavez Gegner. Dann kritisiert er die einseitige Informationspolitik der Oppositions-Presse und des Fernsehens, das zum Grossteil in der Hand der Opposition sei. Klar gebe es noch viel zu tun, und auch Chavez mache Fehler, aber er stehe wenigstens zu diesen, informiere darueber und korrigiere diese dann. Ueberhaupt sei er der erste Praesident „zum Anfassen“, der die Bevoelkerung informiere. Mit „Halo Presidente“, der 5-stuendigen Sendung jeden Sonntag, in der meistens Hugo Chavez persoenlich redete, informiere dieser ausfuehrlich ueber seine Aktivitaeten und die Resultate.

Mit faellt ein, dass es mich oefters positiv ueberrascht hat, wie oft in Artikel  und Publikationen, aber auch auf Schildern genaue Zahlenangaben gemacht werden. Da steht nicht: es werden 30.000 Wohnungen gebaut, sondern 31.177 Wohnungen.

An Chavez begistert ihn, dass er dem Immobilienbetrug ein Ende bereitet hat. Wollte man sich in Caracas eine Wohnung kaufen oder bauen musste man viel Geld anzahlen. Uns es passierte nichts. Mit diesem Geld wurden dann andere aber nicht die eigenen Wohnung angefangen, um diese neuen potentiellen Kunden zu zeigen, damit diese auch kaufen. Nach zwei Jahren Wartezeit wurde dann der Preis erhöhot. Angeblich wegen Inlation, Verteuerung der Baustoffe u.a. Damit hat Chavez Schluss gemacht. Er hat die Baumaterialen einfach konfiszieren lassen, die Bauherren teilweise enteignen. Jetzt können sie sich sowas gemeines nicht mehr erlauben.

Der Alltag unseres Freundes beginnt um halb sechs morgens, er verlaesst um halb sieben das Haus, um mit der Metro zur Arbeit zu fahren. Zeimal umsteigen, ueber eine Stunde Fahrt. Abends um sechs ist er wie die meisten Caraceños wieder zu Hause. Essen, fernsehen, Bett. Am Wochenende geht es in die Berge oder ans nahe gelegene Meer. Raus aus dem stinkenen und lauten Moloch.

Die Homosexuellen

Mindestens zwei der Angestellten der Posada in der wir uebernachtet haben, sind offensichtlich schwul. Ich traue mich, einen der beiden anzusprechen und ihn zu der Lage der Homosexuellen in Venezuela zu befragen.

2003 hatte es einen Gesetzesvorschlag zur Gleichstellung von Homosexuellen gegeben. Dieser ist gescheitert, jetzt soll es noch einen geben, sagt mein Interviewpartner, der sich dennoch zuerst als Chavez Gegner, nach ein paar minuten dann auch als Schwuler outed. Die Homosexuellen werden in Venezuela vor allem durch die Gesellschaft diskriminiert, weniger durch die Gesetze. Man wird von den Kollegen geschnitten und gemobbt, aber nicht unbedingt entlassen.

So gibt es einen Professor an den Universidad Central De Venezuela (UCV), der vor 10 Jahren nach einem Spanien-Aufenthalt als Frau zurueckgekommen ist und trozden weiter unterrichtet und das auch gesetzlich durchsetzt, denn er ist Anwalt. Er heisst heute Tamara Adrian.

Dann erzaehlt er noch, dass Transen oft von der Polizei schikaniert, manchmal auch vergewaltigt werden. Venezuela ist ein Macho Land, die Gesellschaft toleriert Homos nicht. Ich erinnere ihn an die Regierungskampagne, die u.a. Anzeigen in der Zeitung schaltet: „Homosexualitaet ist keine Krankheit, Homophobie hingegen schon“. Er bestaetigt, dass die Regierung sich um Aufklaerung bemueht und es offiziell keine Diskriminierung gibt, was aber in der Kultur der Gesellschaft noch nicht angekommen ist.

Polizeipiraten

Wir sind am Sonntag, den 3. Juni gegen 15.30 Uhr von Piraten ausgeraubt worden, genauer gesagt von der Guardia Nacional!

Und das ging so: Wir fahren auf der Autobahn von Barinas nach Barquisimeto. Also wir kurz vor der Landesgrenze zwischen Estado Portugesa und Lara an einer der ueblichen Polizeikontrollen vorbeikommen, werden wir herausgewunken, direkt hinter einem anderen Kleinwagen. Hier das Foto des Kleinwagens und der Reklametafel direkt neben dem Polizeihaueschen.

Sie moechten zuerst den Ausweis von Antonio und mir sehen. Dann soll Antonio austeigen und den Fuehrerschein und die Fahrzeugpapiere zeigen. Dann soll er mit ins Haeuschen kommen. Ich bleibe im Auto sitzen. Als es zu lange dauert, schliesse ich den Wagen ab und gehe auch zum Haueschen. Schliesslich muss ich bei der Gelegenheit auch mal. Antonio kommt mir entgegen und raunt mir zu: sie wollen zwischen 500 und 1000 Bolivares. Warum? frage ich: es wuerde das Gesundheitszeugnis fehlen. Ich frage ob ich aufs Klo darf und das darf ich auch. Ich hoere sie von Klo aus nebenan lachen, wie wenn man einen Streich ausheckt. Antonio ist derweilen zum Auto gegangen ist um zu zaehlen, wieviel Bargeld wir noch haben.

Als ich rauskomme, zeige ich ihnen meine (Fotokopie) des Internationalen Impfpasses aus der Ferne. Ich haette einen Gesundheitsausweis, behaupte ich. Nein, ich braeuchte einen Internationalen. Das ist einer der Vereinten Nationen, beharre ich. Der aeltere, dicke, boesere winkt aber und sagt, sie haetten schon mit meinem Mann gesprochen ich solle mich nicht einmischen. Ich insitiere und sage, jetzt sei aber ich da und ich moechte auch verstehen was wir getan haetten. Ploetzlich ist der Impfpass nicht mehr wichtig, sondern wir haben gegen ein anderes Gesetz verstossen: Wir haetten keine Berechtigung in Venezuela Auto zu fahren, dafuer brauechten wir eine venezoelanische Erlaubnis. Es ist mehr offensichtlich, dass sie einen Grund sichen. Ich sage, dass ich das nicht verstehe, schliessliche haette man uns in Caracas ein Auto vermietet. In Caracas gebe es Gesetze, hier seien es eben andere! sagt der Aeltere, schnauzt den Juengeren an, er moege mir das Gesetz in der Strassenverkehrsordnung zeigen und geht dann nach draussen zu Antonio. Der Juengere blaettert und blaettert und findet natuerlich keinen Paragrafen, der auch nur annaehernd seinen Anschuldigungen entspricht. Dann aendert er seine Taktik, lenkt vom Paragrafen ab und sagt:  wir muessten jetzt nach da hinten fahren und da gemeinsam Geld aus dem Automaten ziehen und 1000 Bolivares zahlen (200€) und wir wuerden dann ein Papier bekommen, dass uns einen Freischein ausstellt, dass wir ab jetzt in Venezuela fahren duerfen. Ich bin sauer und sage, ok, lass uns fahren. Ich nehme schnell unsere Papiere an mich. Auf dem Weg nach draussen argumentiert er, ja, es sei sein Job uns zu begleiten, aber das wueder lange dauern und uns viel Geld kosten, denn wir muessten ein Taxi zahlen. Antonio, der dicke, der juengere und ich sind inzwischen draussen beim Auto. Antonio zeigt, dass wir nur noch 345 Bs besitzten (die Wahrheit) und insistiert, dass er doch schliesslich in Venezuela geboren sei und sie doch bitte gnaedig sein sollen. Der „gute“ sagt dann zum „boesen“: komm, lass uns heute grosszuegig sein…

Wir druecken unser ganzes Bargeld ab, steigen schnell ins Auto, machen die Tueren zu doch bevor wir fahren, mache ich noch von innen ein Foto durch die Rueckscheibe. Das koennen sie nicht sehen, da alle Fenster mit verdunkelnder Folie beklebt sind.

Vielleicht haetten wir es geschafft, dass sie uns so laufen lassen. Vielleicht. Aber vielleicht haetten sie ihre „Freunde“ ein paar km weiter angerufen und diese haetten uns komplett ausgeraubt. Insofern ist es nochmal glimpflich ausgegangen. Leider haben uns alle, denen wir davon erzaehlt haben, abgeraten, Anzeige zu erstatten. Obwohl oder gerade weil die Straflosigkeit eine der groessten Menschenrechtsverletzungen und Probleme darstellt.

Der Soziologe

Wir treffen uns mit Nelson Freitez in Barquisimeto. Er ist Teil der 350 MitarbeiterInnen starken Kooperative Cecosesola. Cecosesola (Central Cooperativa de Servicios Sociales Lara) wurde 1967 als Dachkooperative mehrerer Landkooperativen aus dem Bundesstaat Lara und einiger Stadtteilgruppen aus der Großstadt Barquisimeto gegründet. Heute umfasst Cecosesola 85 basisdemokratische Kooperativen und Vereine. Insgesamt hat Cecosesola mehr als 2000 Mitglieder, die einen wöchentlichen Vorschuss auf den gemeinsam erwirtschafteten Gewinn erhalten. Es gibt auch einen deutschen Ableger dieser Kooperative und sie „touren“ gerade durch Deutschland, bis 6. Juni noch.

Wir befragen Nelson zur Gesellschaft in Venezuela. Er holt weit aus und berichtet, dass Venezuela schon seit den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts eine „Rendite-Gesellschaft“ ist und damit meint er, dass die Einnahmen des Landes nicht einer eigenen Leistung und Produktion entstammen, sondern vom Oelreichtum kommen. Die Wahrnehmung der Bevoelkerung ist: wir sind sehr reicht, aber dieser Reichtum ist ungerecht verteilt. Die Redistibutionspolitik der Regierung(en) entsprach nie den Konsumerwartungen der Venezoelaner und seit den 80ger Jahren gab es immer wieder Proteste. Ein erster Hoehepunkt dieser Proteste fand 1989 statt, im sogenannten „Caracazo“, eine Art Volksaufstand, bei dem es zu Massenpluenderungen und vielen Toten kam.

Doch dieser Protest hat sich nie in eine Buergerbewegung oder eine strake Gewerkschaft gewandelt. Es gaert und sprudelt sehr viel, es gibt viel Bewegung und Unruhe, aber nur wenig Artikulation derselben.  Hugo Chavez raepreesentiert diese Bewegung und gibt ihr eine Form. Die von ihm gewaehlte Form ist die Konfrontation, der Konflikt, die Ueertreibung, der Bipolarismus. Er stimuliert die Wahrnehmung der Klassenunterschiede. Und er begiebt sich auf die Flaeche des „Milliarden Dollar Tanzes“.

Hugo Chavez verteilt die Oeleinkommen unter den Armen und erzielt so die Unterstuetzung von Millionen Menschen, die in einfachsten Verhaeltnissen leben, in Barrios wie Petare. Und er hat das politische System veraendert: er hat die Macht staerk in den Haenden einer militaerisch-zivilen Elite zentralisiert und das zuletzt foederale Modell verbogen.  Nelson nennt das so: „Die Partei und die Regierung haben den Staat besetzt“, zwar nicht formal, aber de facto.

Seit Hugo Chavez an die Macht gekommen ist vor 13 Jahren, wurden viele Kooperativen und „Misiones“ ins Leben gerufen und bestehende, wie die seine ermutigt. Diese basisdemokratische Organisationen artikulieren zum ersten Mal Themen, die vorher unstrukturiert in Form von Protesten vorgebracht wurden; doch der Frust wieder wenn diese an die „glaeserne Decke“ der obengenannten Elite stossen.

Die (politische) Kultur der venezoelanischen Gesellschaft beschreibt er so: man moechte die eigenen Rechte gewahrt und respektiert wissen, ist aber selbst nicht bereit, Regeln einzuhalten. Man ist immer wieder optimistisch, dabei wenig selbstkritisch und kaum lernfaehig. Die oeffentliche Debatte hat keine Tradition und es fehlt an Ethik. Der Grund liegt in dem Widerspruch zwischen dem, was produziert wird und dem was empfangen wird. Wie lebt man, ohne zu arbeiten? Ein toller Hecht ist, wer schnell reich wird mit moeglichst wenig Aufwand. Es wird noch 20-30 Jahre dauern, bis sich das aendert und vielleicht aendert sich das auch nie, denn die Venezoelaner haben das „Groessenwahn-Gen“ ins sich. 🙂

Aus diesem Grund glaubt er nicht, dass sich viel aendert nach den Wahlen im Oktober, selbst im Falle, dass Chavez verliert, denn letztendlich ist es ein schwacher Staat mit schwachen Institutionen. Jeder Praesident  – und hier unterscheidet sich Chavez nicht von seinen Vorgaengern – verteilt das Einkommen des Oels eben an „seine Buerger“.  Bei Chavez sind das die bisher Missachteten, die Armen.

Ob die Gewalt und Kriminalitaet auch prozentual oder nur absolut zugenommen hat (die Bevoelkerung hat sich seit unserem Besuch 1995 fast verdoppelt)?, fragen wir ihn. Die Gewalt hat in jeder Hinsicht zugenommen: sowohl statistisch (absolut und prozentual), als auch in der Intensitaet: heute begegnet man seinem Nachbarn mit einer Schusswaffe. 1980 gab es 18 Tote pro 1000 Einwohner, heute gibt es 48 Tote pro Tausend Einwohner. Nach Honduras und Guatemala ist Venezuela damit auf Platz drei weltweit. Waffen haben an Wert innerhalb der Gesellschaft zugelegt, vielen Menschen besitzen eine Waffe. (By the way – es laueft gerade ein Projekt „Waffenzensus“: die Regierung versucht herauszufinden, wer alles eine Waffe besitzt, die eigenen Polizie und sonstigen Sicherheitskraefte eingeschlossen). Die Wuerde, die Chavez den Armen in den Barrios durch seine Projekte versucht zu geben, versuchen sich viele bisher Missachtete, mit Waffen zu holen. Der coolste ist der, der das staerkste Motorrad, die teuerste Uhr, den neusten Blackberry, die schoenste Frau und die gefaehrlichste Waffe hat.

Zum Schluss befragen wir ihn noch, wie er die Gefahr eines Buergerkriegs einschaetzt, sollte Chavez die Wahlen verlieren? Zum Glueck sei die Mehrheit der Buerger gegen Gewalt und sieht einen Buergerkrieg nicht als Loesung der Probleme. Dennoch wuessten wir als Politologen ja, dass jedem Buergerkrieg verbale Aggressionen vorangehen und diese, sowie die Bipolarisierung, haben sich  unter Chavez verstaerkt. So herrscht an Weihnachten in den Familien oft eine Art Waffenruhe und man spricht ueber anderes…

Der Guerrigliero

Wir trafen ihn des Nachts Anfang Juni in Barquisimeto: Pablo Hernadez ist sicher die umstrittenste Person unserer Reise. Er ist hochinteressant, schnell, scharfsinnig und sehr klar in seinen Aussagen. Am Tag unseres Treffens hatte er gerade ein Buch fertiggestellt, nach dessen Veroeffentlichung er wohl besser nach Italien emigrieren sollte, scherzt er. Mit Mitteln der Menschenrechtsorganisation Provea und der EU finanziert, geht es auch hier, wie um Korruption der Behoerden in Lara. Mitte August veröffentlicht, heisst es „Impunidad y Poder: Historia de las violaciones a lo DDHH en Lara (2000-2011)“. Es kann kostenlos heruntergeladen werden. Ein ganzes Kapitel ist auch Victor Martinez gewidmet, siehe mein Beitrag „Der Revoluzzer“.

Pablo redet schnell, er hat Fakten und Zahlen im Kopf, er zählt die Gewinne aus de Öl auf. Das Öl bestimmt hier alles. Das Leben, die Politik. aber nicht nur hier, weltweit, so Pablo. Es gibt ein magisches Dreieck, in das auch die Banken aus USA verstrickt sind: Veneuzela verkauft Öl an USA. Russland verkauft Öl an China. Doch von den 400 Millionen Barrels kommen nur 110 Mio an. Wo ist der Rest hin? Auf den internationalen Märkten. Die venezoelanische Erdölgesellschaft PDVSA verkauft nur für 1 Mio US $ Öl, nimmt aber 200 Mio US $ ein – woher kommen dann die anderen 199? Cuba, Russland, China, alles Steuerparadiese. Alles ist ein Nummernspiel, sagt er uns und rechnet so schnell vor, dass mir ganz schwindlig wird. Klar, dass er in Venezuela als Experte für das Thema Erdöl bekannt ist und immer wieder zum Thema schreibt, zum Beispiel hier.

Das Erdöl, Drogen und das grosse Finanzkapital regieren die Welt und auch Venezuela. Pablo vermutet, alles hier, auch Chavez, könnte von den USA gelenkt sein. Er zitiert einen US Amerikanischen Kolonell, der 1992 bereits behauptet hätte, Chavez wäre ein Spion, ein Agent der USA. Mir wird erneut schwindlig.

Wir wechseln das Thema: der Staat als Versorger. Der grösste Arbeitgeber in Venezuela ist der Staat, es gibt 2.5 Mio Beamte in Venezuela. (Zur Erinnerung: die Gesamtbevölkerung liegt bei etwas unter 30 Mio). Davon sind 140.000 Poliziesten, die Militärs kommen noch oben drauf, der Rest arbeitet in Vewaltung, Gesundheit und Bildung. 100.000 arbeiten in der Erdölindustrie. Der „Estado Benefactor“, der Versorgerstaat ist jedoch nichts neues. Schon unter Perez Jimenez, von 1959 bis 1975 wurde die Bevölkerung mit kostenlosen Gesundheits und Bildungssystemen verwöhnt. Es hätten sich überall „Erdölparasiten“ eingenistet, nach dem Motto „gebt mir nichts, sondern bringt mich dorthin, wo es etwas gibt“. Parasiten – gerade auch der Mittelstand in Venezuela, so Pablo. Doch es sei gerade die Linke, die in Venezuela den Staat ausnutzt wie nirgends sonstwo.

Es gibt jedoch auch Personen und kleinere Gruppierungen von authentischen Linken. Umweltschützer, Urbanisten, die daran glauben, dass es möglich ist, eine friedliche Transformation der Gesellschaft zu erschaffen. Pablo glaubt auch, dass Chavez insgesamt das System verändert hat und dies nicht mehr umkehrbar ist. Auch ein Capriles könnte das Rad nicht zurückdrehen, sollte er die Wahlen im Oktober gewinnen. Chavez‘ grösster Verdienst laut Pablo ist, die Ausgeschlossenen mobilisiert zu haben. Wenn Chavez die Wahlen verliert, dann gibt es eine „Übergangsregierung“, so die Vorhersage von Pablo, und dann entwickelt sich eine Situation wie in Bolivien oder Ecuador: Misere, Arbeitslosigkeit. Dann kommen die Chavistas nach 4 Jahren als Helden und Retter zurück.

Ein wachsendes Problem ist die Straflosigkeit.  Gerade die Sicherheitsbehörden sind sehr korrupt. Nachgewiesenermassen begehen 20 % der Polizisten Straftaten, das sind 28.000. Da diese immer 3-4 Komplizen haben, kann man davon ausgehen, dass ca. 80.000 Polizisten kriminell sind!  (Die Erfahrung hatten wir ja gerade selbst gemacht, siehe Eintrag „Polizeipiraten„).

Warum diese zugenommen hat? Weil Chavez die Judicative und die Legeslative kontrolliert: die Justiz und das Parlament. Ein Beispiel: im November 1995 gab es im Staate Lara und Bolivar zwei Militärbanden, die mit 3000 (!) kg Kokain  erwischt wurden. Diese sind jedoch nie verhaftet worden. Chavez lässt die kriminellen Militärs und Polizisten machen, was sie wollen, denn so hat er sie in der Hand und kann sie kontrollieren.

Und so sind wir wieder beim Thema seines Buches angekommen, „Straflosigkeit und Macht“, hier das Deckblatt. Knapp 500 Seiten Zündstoff…

 

Fußball und Rapper Battle

Weil’s so schoen ist sind wir noch einen zweiten Tag in Merida geblieben. Morgens super gut gefruehstueckt, Arepas, Ei, Schinken, Marmelade, gestostete Semmeln, Honig aus der Region und Kaese. In der besten Posada Venezuelas! Posada Casa Sol.

Dann in die Waescherei und zum Schneider. Anschliessend zum Markt gefahren und dann um eins Fussball geguckt in einem luftigen Restaurant mit ca. 80 anderen Menschen: Venezuela gegen Uruguay. Qualifikation fuer die WM 2014. Als endlich das Ausgleichstor fiel haben alle mit dem Bier gespritzt wie wild. War lustig und laut und nass.

Abends haben wir dann auf der Plaza Sucre einer Rapper-Battle beigewohnt, 10 Rapper sind gegeneinander angetreten, das Publikum (ca. 80-1oo Freunde) hat lautstark abgestimmt, wer der bessere ist. Gewonnen hat ganz knapp vor „El Criminal“ der einzige weisser Rapper. „El Conuto“. Organisiert hat „Wladd Sico Lodds“, seinen richtigen Namen hat er nicht verraten. Er hat ein Facebook Profil und man findet ihn bei Soundcloud unter WLADD28. Die Battle hat er ueber Facebook organisiert. Das ganze brav bei der Stadt angemeldet und genehmigt bekommen. Jeder Teilnehmer hat einen kleinen Beitrag gezahlt, der Gewinner die Gesamtsumme erhalten.

Echt cool! Habe sowas noch nie lieve gesehen, kenne das nur aus dem Eminem Film „8 miles“. Video/Sound kommt noch.

Kultur für’s Volk

In Merida sind wir am Nachmittag zuerst zur Plaza Bolivar, in allen Staedten der zentrale Platz. Es gibt dort immer eine Kirche, den groessten Palast im Ort, meist das Rathaus und eine Statue von Simon Bolivar, manchmal auf einem Gaul, manchmal Staatsmaennisch gediegen. Auf der Plaza Bolivar von Merida wurde am Nachmittag ein Theaterstueck auf der Strasse aufgefuehrt. Ungefaehr fuenfzig Zuschauer.

Danach sind wir bei unserem Spaziergang zufaellig auf ein Centro de la Cultura gestossen. Furchtbar haesslich von aussen, sieht aus wie ein Parkhaus. Aber drinnen war der Hammer! Es war zwar immer noch haesslich, alles Beton, aber was mich begeistert hat, war das Konzept! Wenn ich an die Urania in Berlin oder den Gasteig in Muenchen denke, dann sehe ich viel Kultur, die „konsumiert“ wird: man geht hin und schaut oder hoert zu, was einem geboten wird. Hier in Merida ist es ein Platz, um selbst Kultur aktiv zu erschaffen und jeder kann mitmachen! So haben wir zum Beispiel Breakdancer beim Ueben auf den spiegelblanken Platten bebachtet, daneben eine Gruppe Hip Hop Taenzer – sie bringen Ihre Musik und Ausruestung mit und ueben dort.

Weiter vorne hat eine Gruppe Menschen irgendeine der Asiatischen Yoga – Feng-Shui – Ayurweda oder was weiss ich was betrieben (merkt man, dass ich mich da nicht auskenne?) 🙂 und auf einem anderen Zwischenstock hat eine junge Frau drei Jungs asiatische Kampfkunst mit einem Bambumrohn beigebracht. Wieder an einer anderen Stelle hing ein meterlanges Tuch vom dritten in den ersten Stock, an dem Akrobatik geuebt wurde. Im Keller gab es im „Gang der Poesie“ Litfass-Saeulen mit Poesie, weiter hinten ein Atelier, in dem selbst die traditionellen Venezoelanischen Teufels-Masken hergestellt werden koennen. Am Ende des Kellers gab es dann noch ein Bolivarianisches Mitmach-Radio und eine kostenlose Assistenz von Anwaelten fuer Arme. Dazu kostenlosen Unterricht in Computernutzung, eine Kinothek, einen Theater und Konzertsall, in den ca. 80 gleich blau gekleidete Jungendliche verschwunden sind fuer eine Auffuehrung ein paar Stunden spaeter. Wow! Das hat mich beeindruckt!

Als wir die Besichtigungstour im Keller beendet haben, sind wir eingesperrt, zusammen mit einer Mitt-Fuenzigerin. Der Hausmeister laesst uns wieder raus und ploetzlich redet die Dame wie wild auf Antonio ein, eine Flut an Fluechen und Beschwerden, so schnell kann ich gar nicht mitschreiben! Es geht um einen lokalen Politiker der in 2 Stunden hier auftauchen soll und fuer den sie arbeitet und sie fuehlt sich von ihm ausgenutzt und immer die ganze Drecksarbeit und dann ist er so unzuverlaessig, undsoweiterundsofort. Nach ein paar Minuten ist das Gewitter vorbei und sie laesst den verdutzten Antonio stehen.

Abends wollen wir noch in eine Bar, aber alle drei Bars, die uns empfohlen wurden, sind dunkel, geschlossene Schuppen mit Super-lauter Musik, die Dir schon draussen den Magen vibrieren laesst und Schlange vor der Tuer. Darauf haben wir keine Lust.

Die Anden

Wir sind am Donnerstag hoch in die Berge gefahren, nach habe dort in einem kleinen Ort namens Timotes uebernachtet, es war kalt und neblig. Wir sind zuefaellig in eine Kommunion geraten. Dort ist es Brauch, sich mit Mariachi, mit traditionellen Musikern abbilden zu lassen. Aber ansonsten schien die Kommunion wie bei uns auch: viel Aufregung und Stress fuer gross und klein. Hier in Timotes wird ein schwarzer Heiliger verehrt. Was fuer uns ungewoehnlich ist, und mich daran erinnert, dass ich auch mal schreiben sollte, dass hier alle Haut und Haarfarben und auch Religionen zu finden sind und es keine spuerbare Diskriminierung aufgrund der Rasse oder Religion gibt.

Die Architektur in den Andern ist voellig anders als auf dem Flachland. Kleine, flache und oft dunkle dafuer leichter heizbare Haueser. Am Freitag, den 1. Juni sind wir dann auf den hoechsten befahrbaren Berg Venezuelas gefahren, den Pico del Aguila, 4118 Meter. Dort werden Condore gezuechtet und die Luft ist duenn. Es ist neblig und kalt. Bei der Abfahrt haben wir die Zucht-Condore besucht, ein trauriger Anblick. Das Maennchen vom Weibchen getrennt, weil sie sich nicht moegen und keine Nachkommen zuechten. Was auch schwierig ist, denn ein Condor Weibchen legt nur alle 2 Jahre ein Ei. Und sie sind ungelenkig, wer weiss, ob das mit dem Sex so richtig klappt. Danach sind wir noch an einem Stern-Observatorium vorbeigekommen.

El Sistema

Corora ist eine heisse Stadt mit einer sehr schoenen Altstadt im Kolonialstiel. Wir geniessen den Plaza Bolivar und schauen das „gelbe Haus“ an. Dort lernen wir den Bibliothekar Jesus kennen, der uns unter einem riesigen Mangobaum   erklaert, dass die Venezoelanische Gesellschaft nicht reif ist, um die Ideen von Chavez zu verstehen. Die gute Idee der Gemeinderaete in den Barrios, die eine Art kleine Regierung des Quartiers darstellen werden von den Leuten meist nur ausgenutzt. Es fehlt der Sinn des gemeinsam etwas Erschaffens, es fehlt die Bildung, die Ethik.Was sollen 11 jaehrige Muetter Ihren Kindern auch schon beibringen? (Venezuela hat eine der hoechsten Raten an Kinder-Muettern). Der Venezoelaner ist daran gewoehnt, unterstuetzt zu werden. Klar gewinnt Chavez die Wahlen, wenn nicht, wird die von ihm initiierte „Revolution“ (Die „Misiones“) scheitern, denn das Volk liebt ihn, Hugo, und misstraut den anderen Regierungsmitgliedern. Jesus nennt die Revolution in Anfuehrungszeichen, denn seiner Meinung nach ist die Politik von Hugo Chavez die Kontinuation der vorherigen Praesidenten und stellt keinen Bruch dar. Er selbst liebt den europaeischen Fussball der 80er Jahre. Es fehlt den Venezoelaner an Kultur, leider.
Obwohl sie gerade in Carora stolz auf ihren Beitrag zur Kultur sind: das erste Kinderorchester Venezuelas stamme aus Carora, gleich um die Ecke, erzaehlt uns Jesus. Diese Chance lassen wir uns nicht entgehen und wir stapfen tapfer durch die Hitze bis zur „Casa de la Cultura“ und treffen dort auf Luis Jose Riera, genannt „Chispa“.Er erklaert uns „El Sistema“ – anders als sonstwo ist der Musiker nicht der Protagonist, sondern die Gruppe und „das System“. Die Idee dahinter war urspruenglich, gerade die Kinder aus einfachen Verhaeltnissen von der Strasse in die Kulturzentren zu holen. Jeder bekommt gratis ein Instrument wenn er uebt und mitspielt. Inzwischen ist aus dem Sozialprojekt zusaetzlich ein Musikprojekt geworden. In Deutschland sind die Kinder und Jugendorchester durch Filme ueber den heutigen Dirigenten Gustavo Dudamel bekannt geworden, der auch schon die Berliner Symphonie dirigiert hat. Als Vater des „Systems“ gilt allein Antonio Abreu. Und das aergert Luis. Auch dass Carora und ihr Kinderorchester in keinem der Filem erwaehnt wird. Das empfindet er, der 1975 mit nur 9 Jahren dem Orchester beigetreten ist, als ungerecht.Denn der eigentliche Ursprung war hier, in Carora, in der Naehe von Barquisimeto. Der Chilene Sergio Miranda hatte in Chile in La Serena das erste soziale Kinderorchesterprojekt gegruendet. Als am 11. September (1973) der Putsch gegen Allende den Diktator Pinochet an die Macht bringt, verlaesst er Chile und kommt mit seiner Idee in der Tasche nach Venezuela. Dort hatte Juan Martinez 1965 das erste Kulturzentrum (Casa de la Cultura) gegruendet. Um die Idee von Sergio Miranda zu realisieren, gelingt es Juan Martinez, ein paar Erwachsene Musikbegeisterte zusammenzusammeln und mit diesen Konzerte zu veranstalten, um die Kunden zu begeistern und geld fuer das Projekt zu sammeln. So gruende sie 1974 das erste Kinderorchester in Venezuela, gleichzeitig das erste Orchester ausserhalb der Hauptstadt, wo sich sonst alle kulturellen Aktivitaeten Venezuelas konzentrieren. Sie geben 1975 Ihr erstes Konzert in Caracas (wie haben die Zeitungsartikel von damals gesehen), und Luis Chispa Riera ist dabei! Er ist neun Jahre alt und unglaublich aufgeregt und stolz. Jose ist auch heute noch ein Hansdampf auf allen Instrumenten, ein Mann, dem das Gleuck aus den Augen sprueht sowie er ein Instrument beruehrt. Nicht umsonst hat er den Spitznamen „Chispa“, was soviel wie „Pfeffer“ oder „Feuer“ bedeutet.   Antonio Abreu erfaehrt von dem Konzert und kommt gleich im Anschluss nach Carora, macht aus dem Einzelfall 1976 dann das beruehmte „System“, das inzwischen ueberall in ganz Venezuela existiert un dem der juengste Dirigent Gustavo Dudamel entsprungen ist.Und dann zeigt er uns die Musikschule. Zuerst die kleinen Zimmer, in denen alleine oder mit 2-3 anderen Kinden geuebt wird.   Aber schon bald das Herz der Schule, das Orchester. Heute, am Mittwoch, sind wenige Kinder da – nur halb soviele wie sonst. Als wir eintreten und er uns als Gaeste aus Italien und Deutschland ankuendigt spielen Sie die „Ode an die Freude“. Immer wieder, zweimal, dreimal, fuer uns. Ich bin bewegt. Die Atmosphaere ist magisch, der Eindruck stark. Es klingt teilweisefurchtbar schraeg, die musikalischen Ohren des Dirigenten muessen geduldig sein, aber das was man hoert ist umwerfend! Ich kann mir vorstellen, das die Kinder begeistern sind von diesem System: anstatt langweiligen Einzelunterricht und hin und wieder ein Konzert der Musikschule fuer Mami und Papi ist der Effekt hier, als Einzelner zu etwas Ganzem, etwas Grossem beizutragen, wichtig zu sein fuer die Gruppe. Toll!
Am Schluss fuehrt er uns dann zu den ganz kleinen – eine Art Kindergarten, in dem schon fuer die Musik und das Team begeistert wird. Das hier ist der Nachwuchs des Kinderorchesters. 🙂

Der Revoluzzer

Victor Martinez empfaengt uns um sieben Uhr Abends bei sich zu Hause. Er kocht uns eine Kaffee, einen Filterkaffee wie in Deutschland. Als ob er ahnte, dass wir fuenf Stunden bleiben wuerden…

Victor Martinez kommt aus einfachten Verhaeltnissen und ist ein Autodidakt. Fuer die Arbeiterklasse gab es nicht viel Bildungsmoeglichkeiten. Eigentlich kommt er aus der katholischen Jugend der sechziger Jahre. Doch er war schon immer ein Revoluzzer. Hat sich fuer Che Guevara begeistert. Hat keine Autoritaeten akzeptiert. Hat es bei der Feuerwehr nur ausgehalten, weil er dort etwas Sinnvolles tun konnte. Ist in die Gewerkschaft eingetregen und wurde schnell einer Ihrer Anfuehrer.  Er sagt von sich, ich bin ein typischer Llanero, wie Chavez auch, ein Rebell und ein grosser Improvisateur. Er glaubt nicht, dass man in Venezuela Veraenderungen durch Wahlen herbeifuehren kann, er glaubt an Gewalt, an einen Putsch.

Seit Anfang 1991 gibt es Geruechte, dass ein Militaerputsch stattfinden koennte. COMACATE, eine Geheimorganisation des Militaers hat sich konstitutiert, hat Kontakte zur FARC. Der Vater des heutigen Ministers fuer Kommunikation befindet diese jedoch zu radikal und gruendet in Barquisimeto eine „Allianza Revoucionaria de Movimentos Sociales“ (ARMAS). Ebenfalls eine Geheimorganisation der Armee. Den Kontakt zu Victor vermitteln die Priester. Doch wahrend diese noch diskutieren, ob die Militaers nicht zu rechts sind, putscht Hugo Chavez am 4. Februar 1992. Victor sieht am Morgen danach im Fernsehen, wie Chavez nach dem gescheiterten Putschversuch den Kameras sagt: Ich uebernehme die Verantwortung. Das beeindruckt ihn zu tiefst, da in diesem Lande noch nie jemand die Verantwortung fuer etwas uebernommen hatte.

Victor wird ein feuriger Anhaenger von Chavez. Fuer die Vorbereitung eines weiteren Putschversuches nimmt er eine Hypothek auf sein Haus auf, sehr zum Missfallen seiner Frau. Er kauft „Material“, lehrt 30-40 Personen wie man Molotiv-Cocktails und Radios baut, lehrt Stadt-Guerrilla-Taktik. Doch auch der zweite Putschversuch Ende 1992 scheitert. Viktor wird verhaftet, gefoltert (Hoden, Schlaege auf den Kopf) und nach wenigen Monaten wieder freigelassen. Er ist einer der Gruender des „Movimento Revolucionario Bolivariano“ von Barquisimeto und beherbergt sowohl Hugo Chavez, also auch einen anderen Politiker und damaligen Mitstreiter Reyes Reyes mehrfach in seinem kleinen Hause. Doch der Revoluzzer in ihm laesst ihn auch Chavez kritisieren. Seine groesster Vorwurf: es gibt keine Linie, kein Programm, Chavea selbst ist das Programm und das reicht nicht. Es kommt zum Zerwuerfnis, er wird ausgeschlossen.

Doch er ist beliebt und 2000 wird er als parteiloser fuer 4 Jahre ins Parlament gewaehlt. Nachdem er beim Putschversuch gegen Chavez 2002 zu diesem haelt, wird er wieder von Chavez aufgenommen. Doch er hoert nicht auf zu rebellieren, er kritisiert erneut. Diesmal die Korruption von Justiz und Polizei. Er klagt die Regierung an. Chavez verbannt ihn erneut. Diesmal endgueltig. Man isoliert ihn. Alte Parteifreunde distanzieren sich. Er wird 2004 fuer weitere 4 Jahre gewaehlt und arbeitet weiter daran, die lokale und regionale Korruption und die Verbindungen zum Drogenhandel aufzudecken und gegen Straflosigkeit zu kaempfen. Gegen Reyes Reyes. Der ist inzwischen Gouverneur vom Bundesland Lara (Hauptstadt Barquisimento) und verantwortet die Vergehen des Staates gegen seine Buerger. Reyes Reyes ist zusammen mit dem General Rodriguez Figuera verstrickt mit dem Cartel de Miraflores und dieses bedroht 2008 Victor zum ersten Mal des Todes. Weitere Drohungen folgen. Amnesty International appelliert in einer „Urgent Action“ an die verantwortlichen Behörden des Staates Lara.

 

Am 26. November 2011, es ist Abends und schon dunkel, Viktors Sohn geht nach draussen zum Auto. Seine Mutter sieht, wie er ploetzlich mit den Haenden in den Hosentaschen langsam rueckwaerts geht. Gleichzeitig sieht sie, wie ein Mann ebenfalls langsam rueckwarts geht, bis sie die Position vor der Tuer von Viktors Haus erreicht haben. Dann schiesst der Mann, zwei Mal. Mijail stirbt mit nur 24 Jahren weil sein Vater gegen die Maechtigen rebelliert. Die Inszenierung der Toetung ist ein klares Zeichen, sie gleicht einer Hinrichtung. Deshalb glaubt Victor auch nicht an die Schuld des dann verhafteten jungen Mannes aus armen Verhaeltnissen.

 

Er klagt an. Er sucht den Auftraggeber. Er setzt Gott und die Welt in Bewegung, blogged und erstellt ein Video. Das ganze Viertel haelt zu ihm.  Er sammelt Beweise, er findet die Taeter. Seither versucht er vor dem Gericht Recht gesprochen zu bekommen.  Im Maerz 2011 findet ein weiteres Attentat statt, diesmal auf ihn. Viktor beschuldigt Reyes Reyes dafuer verantwortlich zu sein. Am 23. Januar diesen Jahres (2012) erfolgt ein dritter Mordversuch. Er klagt oeffentlich an, in einem Zeitungsinterview. Er weiss, einen dritten Versuch wird es geben, aber er hat keine Angst.

Was gibt es Schlimmeres, als seinen Sohn zu verlieren, sagt er, der eigene Tod kann schlimmer nicht sein.

 

Nachtrag: in diesem am 28. Mai in der Tageszeitung von Barquisimeto veröffentlicheten Artikel hat Victor Martinez öffentlich dazu aufgerufen, gegen die Straflosigkeit und damit gegen Chavez zu stimmen. debemos-votar-contra-la-impunidad.pdf

Taxipiraten

Wir haben es heute nicht geschafft, aus Caracas abzureisen. Nachdem wir seit Samstag versuchen, einen Mietwagen zu bekommen, wollten wir heute um 11.30 mit dem Bus nach Barquisimeto fahren, doch auch das ist uns nicht gelungen, da alles ausgebucht war. So sind wir mit unseren schweren Taschen nicht weit vom Busterminal entfernt zu den Bekannten von Antonios Vater in Chacao gegangen und haben darum gebeten, die Taschen dort abstellen zu duerfen, was netterweise geklappt hat. Dann sind wir zu Hertz (das dritte Mal in 3 Tagen) und haben es dann endlich geschafft, fuer morgen frueh um 9 Uhr einen Wagen zu reservieren.

Dafuer waren wir dann am Nachmittag im Museum Bellas Artes und haben uns eine Ausstellung ARTE POLITICA angeschaut, mit Werken von Picasso und Gabriel Bracho, Luis Chacon sowie Fotografien von Luis Molina Pantin. Gratis. Fotos davon gibt es hier.

Sehr interessant waren heute unsere Erfahrungen mit dem Taxi in Caracas. Am morgen ist Antonio auf die Strasse gegangen, um ein offizielles Taxi zu suchen. Ich habe zu Hause mit dem Gepaeck gewartet. Wir wurden sehr oft gewarnt, nur Taxis mit den gelben Nummernschildern zu nehmen, da es viele „Taxipiraten“ gaebe. Deren einziges Ziel es ist, Kunden auszurauben oder „Express-Entfuehrungen“ durchzuefuehren. So haben wir immer Angst vor dem Taxifahren.

Naja und heute morgen, als wir dann in einem offiziellen Taxi sassen, hat uns der Taxifahrer gestanden, dass er bei Antonio nur angehalten haette, da dieser nicht wie ein Einheimischer sondern irgendwie anders aussieht. Sonst haette er nicht angehalten. Denn es gaebe viele falsche Kunden, die nur in ein Taxi einsteigen, um den Taxifahrer auszurauben oder, wenn er nicht genuegend Geld dabei hat, eine „Express-Entfuerhrung“ mit ihm durchzuefuehren. Na toll. Wir haben Angst vor ihm und er hat Angst vor uns.

Das gleiche ist uns heute Abend auf der Rueckfahrt passiert mit unserem Gepaeck wieder nach Hause: wir haben uns ein offizielles Taxi per Telefon rufen lassen und es kommt ein Privatfahrzeug, ohne gelbes Nummernschild. Der Ladenbesitzer in Chacao, bei dem wir die Taschen gelassen haben und der uns das Taxi besorgte, versichert uns, das alles ok sei. Wir also rein ins Taxi und gleich ein Gespraech anfangen, das kommt immer gut, dann ist die Hemmschwelle uns auszurauben vielleicht niedriger? Wir fragen also, was dies fuer ein Privattaxi sei? Er erklaert uns, dass diese Taxis nur auf Bestellung ueber eine Zentrale kommen, alles wird dokumentiert, wer anruft und wohin das Taxi bestellt, welcher Taxifahrer kommt, etc. Eigentlich wie bei uns in ALEMANIA. Zur Sicherheit. Denn die Taxifahrer haben Angst. So auch er. Sie haben Angst vor uns und wir vor ihnen. Gerade ist auch ein Buch erschienen: Caracas aus der Sicht der Taxifahrer.

Ende gut, alles gut: wir sind heute Abend auf der Geburtstagsfete der Freundin von Cesar, in dessen Wohnung wir leben und es gibt Whisky!

Der Berg Avila

Sonntag morgen Ausflug – zuerst nach La Hatilla, Cachapas essen, Maisfladen, die mit allerlei Koestlichkeiten gefuellt werden, dann mit dem Jeep, Allradantrieb, bei teilweise 25% Steigung auf ueber 2000 Meter Hoehe. Dort ist es fuer hiesige Verhaeltnisse kalt: nur 21 Grad. Deshalb tragen einige Erwachsene Handschuhe oder Muetzen, die Babies sowieso… 🙂

 

Der Anarchist

Rafael Uzcátegui ist ein venezoelanischer Anarchist und er hat einen eigenen Blog. Er arbeitet in der Menschenrechtsorganisation PROVEA. Er ist weder ein Anhaenger von Chavez, noch einer der Opposition. Er steht bei beiden Lagern auf der schwarzen Liste. Der Dialog mit der Opposition ist schwierig: fuer die ist er ein Anhaenger von Chavez, ein Chavista. Der Dialog mit der Bolivarianschen Bewegung jedoch ist auch sehr emotional. Fuer die ist er ein Imperialist und ein Anhaenger der Opposition. Dabei ist er einfach nur Anarchist. Er geht nicht waehlen. Er ist kritisch und unabhaengig. Nein, es gibt hier keine Diktatur. Es gibt aber auch keine Revolution hier, sagt er.  Wir sollen ins Landesinnere fahren, weg von Caracas, denn dort sei die Bewegung Simon Bolivar viel authentischer als in der Hauptstadt. Er spricht mehrere Stunden mit uns und es ist hochinteressant. Am Schluss vermittelt er uns weitere Gespraechspartner aus allen Lagern, damit wir uns selbst ein Bild machen koennen, sagt er.

Einmal mehr bekomme ich den Eindruck, dass Venezuela vielschichtiger, vielfaletiger, widerspruechlicher und komplexer ist, als es der Blick aus dem Ausland erkennen laesst.

 

Am Dienstag, 12. Juni 2012, um 19.30h haelt Rafael einen Vortrag in Deutschland, im Allerweltshaus (Körnerstr. 77) in Köln ueber die zunehmende Militarisierung Venezuelas.
Dort wird er so angekuendigt:

Rafael Uzcátegui lebt und arbeitet in Caracas. Er koordiniert die
Recherchen bei Provea (www.derechos.org.ve), einer venezolanischen
Menschenrechtsorganisation, und ist seit 1995 Mitglied des

Herausgeberkollektivs der anarchistischen Zeitschrift El Libertario
(www.nodo50.org/ellibertario/), die sich der Verbreitung der Aktivitäten
der unabhängigen sozialen Bewegungen Südamerikas verschrieben hat. Er

ist Autor der Bücher „Herz aus Tinte“ und „Venezuela: Die Revolution als
Spektakel. Eine anarchistische Kritik der Bolivarischen Regierung“. Seit
2009 ist er Mitglied im Rat der War Resisters‘ International, WRI.

Tio Pepe

Am Freitag waren wir zu Besuch bei Onkel Pepe, „Tio Pepe“. Auch er lebt in Petare, nicht weit von seiner Schwester entfernt. Er arbeitet dort als Maurer und lebt zusammen mit seiner Nichte Leo in einer Huette in der er weder Strom noch Wasser zahlt. Der andere Bruder, Onkel Maco, war auch zu Besuch da, auch er wohnt nur ein paar Hundert Meter weiter. Die beiden koennten verschiedener nicht sein: Tio Maco, verheiratet seit Jahrzehnten mit der gleichen Frau, ein ruhiger Typ, keine Kinder. Gelbe Muetze. Tio Pepe, rote Muetze.

Tio Pepe? Tio Pepe sammelt Bierflaschen, hat ein paar Raritaeten.

Und er sammelt Frauen. Er hat 6 Kinder von ebensovielen Frauen, 16 Enkelkinder und einen Urenkel. Frauen sind wie Kirchen, sagt er. Es gibt nur eine Kathedrale, aber viele Kirchen und Kapellen in die Du gehen kannst! Wer sich an den alten Mann in Buena Vista Social Club erinnert, kann sich Tio Pepe gut vorstellen. Er nennt die Frauen mit einem Augenzwinkern „seine Opfer“, duscht und parfumiert sich nach der Arbeit und als der Platzregen vorbei ist, ziehen wir los. Jeder Mensch, den wir auf unserem Weg nach unten treffen, kennt Tio Pepe. „Hola Pepe! Como estas, Pepe?!“ Am Fusse von Petare gibt es einen Kiosk, hinter der Barrikaden verkaufen zwei Frauen Alkohol. Bier, Rum, Whisky. Die schwarze da, La Negrita, ist mein naechstes Opfer, sagt er. Sie hat nur Augen fuer mich! freut er sich ueber ein Laechlen der dreissigjaehrigen, nur ist gerade so viel los, da passt es nicht.

Tio Pepe ist ein Libertin. Ein Freigeist. Ein Ungebundener. Deshalb stoert ihn an Chavez der Paternalismus. Die Agressivitaet. Der mangelnder Respekt seiner Anhaenger gegenueber den politische Gegnern. Der Umgang mit den Menschenrechten. Der Populismus. Dennoch erkennt er an, dass Chavez die METRO bis nach Petare bringt. Klar, vor den Wahlen im Oktober, damit ihn die Menschen auch waehlen. Dennoch stoert es ihn, dass alle denken, er haette die Seite gewechselt, nur weil Antonio ihm, dem grossen Fussbalfan, eine rote Muetze des Bayern Muenchen geschenkt hat. Rot ist die Farbe der Chavez Anhaenger und er traegt seine alte rute Muetze nur zum Arbeiten, nicht zum Ausgehen. Nicht so die neue von Bayern Muenchen! Und wie sollte es auch anders sein: seine Kumpels fragen ihn gleich: und, bist Du jetzt auch Chavista?

Das Parlament

Wir hatten heute das Privileg, das Parlament von innen zu sehen! Man beachte: Jeder der 167 Abgeordneten hat ein Notebook auf seinem Platz. Daneben Bilder des Lesesaals der Bibliothek und das Capitolio vom Innenhof aus fotografiert.

Supermarkt und Sit-in

Tag zwei, wir gehen einkaufen. Shampoo, Balsam, Duschgel, Niveakoerpercreme, Nagellackentferner und Watte, Zwiebeln, Tomaten, Kekse, Thunfisch  und Pasta. 460 Bolivares. Fast 100 Euro. Fast alles importiert. Nur die Kekse sind aus Venezuela. Und der Thunfisch. An der Kasse werde ich nach meinem Personalausweis gefragt. Personalausweis? Ich bin Touristin, sage ich, habe keine ID Card. Na dann den Pass, sagt sie. Ich zeige Ihr den Pass, sie tippt meinen Namen und die Passnummer ab. Wozu das? frage ich nicht nur mich, sondern auch sie. Das ist Vorschrift der Regierung. Aber warum, will ich wissen. Das kann sie mir auch nicht erklaeren.

Empoert verlasse ich den Supermarkt und nehme die gelegenheit beim Schopfe, dass ja am Eingang zu unserer bewachten Zone immer Frauen unter einem Zeltdach sitzen. Sie frage ich gleich, was es damit auf sich hat. Naja, sagt die eine, boese Zungen behaupten, das sei ein Weg der Regierung Chavez, die Buerger zu ueberwachen. Aber wozu, will ich wissen, was denn uberwachen? Wieviele Eier sie kaufen? Nein, wieviel Geld sie ausgeben. Damit nicht diejenigen Unterstuetzung beantragen, die eigentlich keine verdient haben, weil sie so viel im Supermarkt ausgeben. Sagt die eine. Die andere erwiedert, sie koenne sich nicht vorstellen, dass diese Daten irgendwie auswertbar seien. Ausserdem gaebe es doch Steuererklaerungen.

Da wir nun schon im Gespraech sind: was machen Sie hier eigentlich unter Ihrem Zeltdach? Nun wird es interessant. Sie sind hier seit einem ganzen Jahr. Sie protestieren gegen die Verstaatlichung eines Grundstuecks. Auf dem nun Viviendas, Wohungen gebaut werden sollen, fuer 2000 Personen. Dabei leben in diesen 8 Hauerserbloecken bereits zweitausend Personen. Und die Infrastruktur reicht nicht richtig fuer diese. Wasser, Abwasser, Metro, Bus. Wie sollen da noch 200 Menschen mehr reinpassen? Deshalb der Sit In. Deshalb die Sperrung der Zone. Nicht aus Sicherheitsgruenden, sondern um zu verhindern, dass hier LKWs mit Baumaterial reinfahren. Deshalb zahlen sie die privaten Waechter. Deshalb die Gatter. Die Absperrung. Ein netter Nebeneffekt ist, dass die Sicherheit auch erhoeht wurde. Aber das eigentliche Ziel ist es, den Bau der Wohnungen zu verhindern. Gut organisiert sind sie. Sogar ein Wireless Telefon steht auf dem Tisch.

Der Verein heisst ASOCIRE I – Consejo Comunal Juan Cardon und ist hier im Internet zu finden.

Chacao

Chacao ist das Little Italy von Caracas. Hierher kamen die aus Italien in den fuenfzigern eingewanderten Italiener. So auch Antonios Vater. Er war als Schuster in einer kleinen Schuhfabrik angestellt. Hatte einen tollen Job: immer wenn den Damen die Einzelanfertigungen ausgeliefert wurden, war er es, der vor ihnen kniete und das neue Stueck ueber die zarten Fuesse streifte. Wir suchen heute am Tag zwei der Reise Signor Palumbo, den Bruder des Besitzers der Fabrik. Antonio erinnert sich ungefaher, wo der Laden war. Wir fragen uns durch, bei einem anderen Schuster. Rothaarig. Baertig. Ja, er kenne ihn. Nein, den Laden gibt es nicht mehr. Aber einen Freund von Palumbo, Castro, den gibt es noch, dort sollen wir fragen. Eine Strasse weiter. Wir finden Castro. Er sagt, Palumbo sei gerade in Italien. Castro ist Portugiese, hat drei Toechter und einen Papier-Laden. Klopapier, Papierbecher, Papierteller. Nein, er war schon lange nicht mehr in Europa. Warum auch. Er kenne niemanden mehr dort. Und nach zwei Wochen fuehle er sich unwohl, fehl am Platze. Hier sei sein zu Hause. Es sei schwieriger geworden site ein paar Jahren, alles viel  teurer. Viel mehr Menschen. Sie vermehren sich wie die Karnikel. Und dann die Flut an Einwanderern! Nicht die aus Europa, sondern aus den anderen suedamerikanischen Laendern. Sagt er, ein Einwanderer. Er und sein Freund Jose Luis, der Fernseher und Zubehoer verkauft und mit uns einen Espresso trinken geht

Auf dem Rueckweg freue ich mich zum ersten Mal, dass mich andere Menschen immer wieder fuer schwanger halten: es wird mir Platz gemacht in der Metro, denn Schwangere sind wie Behinderte bevorzugt zu behandeln und ich nehme diesmal dankend an: die Metro ist brechend voll, teilweise fahren Zuege vorbei, da eh keiner mehr reinpasst und drinnen, drinnen ist es so, wie man sich das Leben einer Oelsardine vorstellt: eng, Leib an Leib und glitschig, denn draussen ist es heiss, mehr als dreissig Grad. Die Fahrt von Chacao, was im Zentrum liegt, zu unserem Viertel Montalban dauert mit Metro und Metrobus eineinhalb Stunden, zweimal umsteigen inbegriffen.

Misiòn madres del Barrio

Heute sind wir in die Innenstadt gefahren. Auf dem haesslichen Caracas Platz gab es mal wieder ein Zelt mit wartenden Menschen darunter. Ah, das sei gar nichts, heute frueh haetten hier tausende aus ganz Venezuela auf Ihr Universitaetsdiplom gewartet, erklaert mir ein Mann, der mit seiner Tocher hier ist. Aha. Das gibt es also im Freien. In Florenz haben wir damals fast 2 Jahre auf unser Diplom gewartet, auch das waren lagen Schlangen, ich erinnere mich, allerdings teilweise drinnen, teilweise auf dem Innenhof.

 

Weiter Richtung Plaza Simon Blivar treffen wir auf grosse Aufsteller, die die Kooperation zwischen Venezuela und China dokumentieren, vor allem im Bereich Energie.

 

Es spricht heute hier noch ein Minister zur Kooperation mit China, erzaehlt mir eine junge Frau, die schon in der ersten Reihe sitzt und wartet.

 

Nur ein paar Schritte weiter, auf der Plaza Bolivar gibt es eine grosse Menge an Frauen in meist roten T-Shirts, auf denen „Misión Madres del Barrio“ steht. Was das ist, wollen wir wissen. Eine von Ihnen, Jaidi (sprich: Heidi), erzaehlt voller Stolz, dass sie alle Frauen ohne Rechte und ohne Stimme in den Barrios gewesen seien. Nun haetten sie ein besseres, ein wuerdigeres Leben, waeren Teil der Gesellschaft und man nimmt sie nun ernst und akzeptiert sie ueberall. Sie helfen nun anderen Frauen und Kindern und alten Menschen in den Armenvierteln, den Barrios. Sie sind jetzt wer. Hugo Chavez waere deshalb ihr Liebster und Schatz. Jaidi (hier auf dem Foto mit dem gruenen T-Shirt) ist stolz und strahlt ueber das ganze Gesicht, als sie mir das alles erzaehlt. Sie sprudelt geradezu.

Auf der Internetseite steht, dass die Mision Madres del Barrio dazu dient, die oft in extremer Armut lebenden Muetter unterstuetzen und in die Prozesse der Gesellschaft einbeziehen soll. Sie bilden Komitees, waehlen ihre Repraesentantinnen und bringen diese in anderen politischen Bereichen der Buergerbeteiligung ein, wie zum Beispiel in den Consejos Comunales. Sie achten darauf, dass jeder etwas zu essen hat, dass die Kinder zur Schule gehen, sie achten auf die Gesundheit und die soziale Sicherheit Ihrer Comunidad.