Späte Gerechtigkeit

Späte Gerechtigkeit

Viel zu spät wurde endlich ein Gerichtsverfahren begonnen und viel zu lange dauert es schon, aber es ist dennoch gut, dass es sie gibt: die Ausserordentlichen Kammern am Kambodschanischen Gerichtshof. Pol Pot war schon 9 Jahre tot, als vor zehn Jahren endlich damit begonnen wurde, Zeugenaussagen zu hören und Anklage gegen die noch lebenden Anführer des Roten Khmer Regimes zu erheben.

Diese Gerichtshof ist ein Kompromiss. Die UN arbeitet eng zusammen mit der kambodschanischen Justiz, die sich lange gegen ein Verfahren gesträubt hatte. Sonst könnten alte Wunden wieder aufbrechen, so die Regierung. Doch nach langem und zähen Verhandlungen kam es dann zum Kompromiss: So werden nur die schwersten Verbrechen und auch nur die Anführer des Regimes verurteilt. Viele Opfer können nicht verstehen, dass es für das, was Ihnen angetan wurde, kein Verfahren gibt, da es entweder Verbrechen sind, die nicht zum Aufgabengebiet des Tribunals gehören, oder diese Verbrechen von weiter unten in der Hierarchie stehenden Roten Khmer verübt wurden. Das erzeugt Frust. Aber es ist besser als nichts.

Momentan laufen die Schluss-Statements im Fall 002/02.   Man kann diese im Live-Stream verfolgen. Khieu Samphan und Nuon Chea, die beiden Angeklagten, warten in einem kleinen Gefängnis hinter dem Gerichtshof auf das Urteil. Es wirkt unscheinbar auf mich, als ich das Gerichtsgebäude besuche. Links davon sei die Küche, zeigt mir der für PR zuständige junge Mann vom Gerichtsgebäude aus. Davor befindet sich eine grüne Wiese, idyllisch ist es auch hier. Mitten auf der Wiese steht ein kleiner Pavillon, in dem eine beeindruckende Figur – in der rechten Hand ein Schwert – mit der Linken Hand auf einen zeigt. Dies ist der Ort, an dem die Zeugen schwören müssen, dass sie die Wahrheit sagen werden. Ich bin beeindruckt.

Interessant ist, dass an diesem Gerichtshof erstmalig ein neues Verbrechen gegen die Menschlichkeit benannt wurde: Zwangsheirat. Eine Zeugin sagt vor Gericht aus, dass Sie zusammen mit ungefähr 200 anderen Bauern vom Reisfeld geholt wurde und in einer nur eine Viertelstunde dauernden Zeremonie mit einem ihr völlig Unbekannten verheiratet wurde. Natürlich sprachen sich beide ab, dass sie nur so tun würden, also ob sie ein Ehepaar wären und sich sofort scheiden lassen würden, wenn dieser Wahnsinn vorbei wäre und sie dann noch am Leben seien. Doch es kam leider anders: nachts kamen die Schergen des Regimes und zwangen die beiden zu ehelichem Beischlaf: das Ziel war es, die Bevölkerung rasch zu erhöhen und lauter kleine Kommunisten heranzuziehen, die der Organisation dienen sollten. Beide haben dies als sehr erniedrigend und als eine staatlich verordnete Vergewaltigung empfunden. Wie Ihnen erging es tausenden.

 

Das Foltergefängnis

Das Foltergefängnis

In der ehemaligen Oberschule „Tuol Sleng“ haben die roten Khmer bereits 1975 eines ihre 150 landesweiten Foltergefängnisse eingerichtet. Dieses trug den Namen S-21. Man sagt, hier war die Zentrale. Jeder Inhaftierte wurde fein säuberlich registriert und fotografiert. Deshalb weiss man, dass alleine in Tuol Sleng mindestens 14.000 Menschen inhaftiert und gequält wurden. Männer, Frauen und Kinder. Darunter vier Ausländer. Einer von ihnen nannte am Schluss irgendwelche Namen die ihm einfielen, zum Beispiel den Gründer von Kentucky Fried Chicken. Ein absurdes Detail in einer absurden Umgebung.

Heute ist der Ort ein Museum, ein Erinnerungsort an Völkermord, den diese Wahnsinnigen wie Pot Pot, Nuon Chea und Khieu Samphan an ihrem eigenen Volk begangen haben. Sie glaubten innerhalb von nur wenigen Jahren ein Volk, eine Gesellschaft umzukrempeln, wie es im kommunistischen Lehrbuch steht: Ein Arbeiter und vor allem in Kambodscha ein Bauernstaat. In der alle nur noch Angkar, der Organisation dienten, damit alle gleich wurden. Die Ausmasse sind unvorstellbar. In nur vier Jahren, von 1975-1979 wurden schätzungsweise 1 bis 3 Millionen Menschen getötet. Durch Folter, Ermordung, Erschöpfung und Hunger. Warum diese Zahl so ungewiss ist, findet Ihr in einem anderen spannenden Blogeintrag hier, in dem ihr unglaubliche Dinge erfahrt, die auch ich bis vor kurzem nicht wusste.

Pol Pot wurde 2008 von seinen eigenen Gefolgsleuten ermordet, nachdem er fast 15 Jahre lang ein gutes Leben geführt hatte, ohne je vor einem Gericht zur Verantwortung gezogen zu werden. Der Leiter des Foltergefängnisses, Kaing Guek Eav, bekannt unter dem Pseudonym Duch, wurde 2010 von dem kambodschanischen Gerichtshof für Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. Nuon Chea und Khieu Samphan warten momentan auf ihr Urteil in einem Gefängnis, das ich gesehen habe, doch dazu mehr in einem anderen Blogeintrag…

Der überlebende Maler

Der überlebende Maler

Mit versteinertem Gesicht sagt er, er sei kein schlechter Mensch. Er habe niemals vorher und hinterher jemandem etwas zu leide getan. Er sei freundlich und gut zu den Menschen. Man habe ihn indoktriniert, sagt seine Mutter, die auf die achtzig zugeht. Sie sitzt neben ihrem Sohn in kleinen Holzhütte, die Beine übekreuz sitzt sie aufrecht da, er ist an die Wand gelehnt. Man habe ihrem Sohn den Kopf gewaschen. Er habe nicht gefragt, einfach nur gehorcht. Ja, ich hatte Angst, furchtbare Angst, dass auch ich getötet werde, gesteht er. Auch in bin ein Opfer dieses Regimes. Wenn ein Gefangener an der Folter starb, wurde der Folterer erschossen. Denn man wollte Geständnisse. Ich wollte niemandem wehtun. Ich war jung damals, habe nicht viel nachgedacht. Ich bin kein schlechter Mensch. Ich wollte einfach nur überleben. Gefühlt habe ich wenig, mir wurde gesagt, die Organisation hat diese Menschen verhaftet, weil sie Staatsfeinde sind. Staatsfeinde haben den Tod verdient. Die Organisation hat immer recht. Das sind keine Menschen. Wir haben sie wie Tiere behandelt.

Szenenwechsel zum Innenhof von Tuol Sleng.

Sie gehen zusammen zum ersten Mal seit Jahrzehnten in das S-21 zurück. „Toul Sleng“, wie die heutige Gedenkstätte in Phnom Penh auch genannt wird war einst eines von vielen Foltergefängnissen im Lande. Man sagt, das hier war die Zentrale aller Foltergefängnisse der Roten Khmer. Vann Nath hat schlehweisse Haare und ein gütiges Gesicht. Chum Mey viel Platz für ein faltiges Gesicht mit großen wässrigen Augen und einem flehenden Blick. Er weint. Seine Schultern zittern. Vann umarmt ihn, führt ihn langsam herum, wirkt gefasster, vielleicht ist er nicht zum ersten Mal hier. Vann und Chum sind zwei von weniger als einem dutzend Überlebender dieses Gefängnisses. Ihr Können hat Ihnen das Leben gerettet. Vann musste Pol Pot malen. Stundenlang. Chum hingegen konnte Schreibmaschinen reparieren. Deshalb haben sie überlebt.

Sie treffen sich hier mit ehemaligen Wärtern. Diese freuen sich über ein Wiedersehen. Vann Nath fragt sie, wie sie sich damals gefühlt haben. Die Wächter beschreiben sich selbst als Opfer, die keine andere Wahl gehabt hätten, als mitzumachen. Befehlsverweigerung wäre als Verrat an Angkar, an „der Organisation“ wie sich die Partei nannte, verurteilt wurde. Sie wären sonst selbst getötet worden. Wenn sie Opfer seien, welche Bezeichnung haben sie denn dann für die Gefolterten und Getöteten, fragt Vann? Das seien indirekte Opfer, meint ein Wächter. Sozusagen Opfer der Opfer. Einer der Wächter stellt nun nach, wie sie die Gefangenen herumkommandierten: tagsüber mit den Füssen an eine Eisenstange gekettet, immer stehend, nachts Körper an Körper auf Betten aus Eisen liegend, pro Bett mehrere Personen. Die Notdurft wurde in einem Munitionsbehälter verrichtet. Zu essen gab es wenig, Konflikt unter den Gefangenen wurde geschürt, in dem man sie die Wasserration teilen lies. Man schwitzt permanent in Phnom Penh. Auch wenn man dort geboren ist. Es ist heiss.

Wurde ein Gefangener zum Verhör geholt, rief der Wärter dessen Nummer. Denn mit Eintritt in S-21 legte man nicht nur die Kleidung, sondern auch den eigenen Namen und damit die Identität ab. Es gab nur noch Nummern. Beim Verhört wurde gefoltert, um Geständnisse von „Sabotage“ und „Staatsverrat“ zu gestehen und andere zu verraten Im Schnitt nannte jeder ca. 50 andere Namen, bis ihm niemand mehr einfiel. Hatte man alles gesagt was einem einfiel, wurde man abtransportiert, zu den „Killing Fields“ und dort getötet.

Nur Vann Nath und Chum Met nicht, denn der eine konnte Pol Pot malen, der andere  die Schreibmaschine des „Brunder Nummer 1“ warten. Inzwischen ist Vann Nath verstorben. Chum Mey lebt noch. Er verkauft heute in Tuol Sleng seine Bücher und schaut einen aus seinen wässrigen Augen an. Ein Blick, der noch immer die Grundunsicherheit zeigt, die dieses Land bis heute prägt.

Das alte Kind

Das alte Kind

Er sitzt in sich zusammengesunken da. Geduldig auf seinen Einsatz wartend. Im Hintergrund ein kurzer Dokumentarfilm über die schwere Arbeit, die Kinder unter Pol Pot auf dem Land verrichten mussten, die harten Bestrafungen für Fehlverhalten und der Wert von ein paar Reiskörnern. Als die junge Übersetzerin den Film ausschaltet und sich neben ihn setzt, fängt er leise an zu sprechen. Er ist mein Jahrgang. Ich hätte ihn um mindestens 10 Jahre älter geschätzt, auch wenn seine Haare noch tiefschwarz sind. Er erzählt seine Geschichte. Er war 5, als die roten Khmer die Macht in Kambodscha übernahmen. Sein Vater war gerade nicht da, er arbeitete als Arzt in einem nahegelegenen Krankenhaus. Norng war alleine mit seinen kleinen Geschwistern und der Mutter, in einer Provinz von Kambodscha.

Khmer heisst das kambodschanische Volk und auch die Sprache die er spricht und die ich nicht verstehe. Aber ich sehe, dass das, was er erzählt auch heute noch körperlich schmerzt. An den schlimmen Stellen, wo es um Gewalt, Mord, Erniedrigung geht, krallen sich seine Hände ineinander, die Knöchel werden weiss, das ganze Gesicht verkrampft sich, nicht nur die Augen zwinkern nervös, der ganze Mensch krümmt sich vor Schmerz. Tränen schiessen mir in die Augen.

Er erzählt von der Vertreibung im eigenen Land, immer wieder, ohne zu Ruhe zu kommen.  „Angkar“, was auf deutsch einfach „die Organisation“ heisst, hatte am Tag nach der Machtergreifung alle Städter aufs Land vertrieben und zu harter Arbeit verdonnert. Das haben viele „verweichlichten“ Städter nicht überlebt. Er erzählt von seiner Mutter, die als Köchin arbeitet, die die Soldaten der roten Khmer bekochen muss. Er erzählt von der Ankunft von 160 Gefangenen, die angeblich noch in der Nacht in ein neu zu gründendes Dorf transportiert werden sollen und von den blutbefleckten Kleidern, die am nächsten Morgen zur Verfügung stehen. Kleider die verteilt werden und die sein Vater nicht anziehen will. Dies kommt aber einem Ungehorsam gegenüber Angkar gleich, was den Verdacht ein Staatsfeind zu sein und damit Verhaftung, Folter und Tod mit sich bringt.

Er erzählt von vier schrecklichen Jahren, von den Jahren eines 5-9 jährigen und seiner Familie. Eine Familie wie tausend andere auch.
Irgendwann hört er auf zu erzählen und verstummt.
Er möchte gehen, bietet aber aus Höflichkeit noch an, für Fragen zur Verfügung zu stehen.

Ob ihm das Erzählen helfe oder wehtue? Es täte weh, er würde alles jedes Mal aufs neue durchleben. Seit 26 Jahren. Immer wieder.

Dann geht er.

Mit den Tränen kämpfend frage ich die Übersetzerin, wie oft er das erzählt? Sie sagt, einmal pro Woche. Seit 2 Jahren, seit es das Programm im Tool Sleng Museum („Museum of Genocide“ im ehem. S-21 Foltergefängnis in Phnom Penh) gibt. Heulend suche ich mir draussen einen Platz im Schatten unter einem der wunderschönen kambodschanischen Bäume im friedlichen Innenhof.

Strassenfussball für’s Leben

Strassenfussball für’s Leben

Der Schweizer Samuel Schweingruber hat 2006 eine Fussballschule für Straßenkinder und junge Frauen gegründet – die SALT Academy, für „Sport and Leadership Training“. Die Kinder kommen überwiegend aus der muslimischen Community, die als Fischer am Mekong leben. Viele von ihnen gehen nicht in die Schule und bekommen in der Akademie Training, Unterricht und Essen. Einige waren Opfer von Menschenhandel und werden nun re-integriert. Vor allem die Mädchen im Programm „Mighty Girls“ machen hier oft erstmals die Erfahrung, genauso viel wert zu sein wie die Jungen. Und genauso gut Fußball spielen zu können!

Hier geht es zur Facebookseite des Projekts.

 

Meron’s neues Heim

Meron’s neues Heim

Sie empfängt uns mit Blumen, die sie für uns gepflückt hat. Gelben Blumen. Und einem strahlendem Lächeln. Meron ist neun Jahre alt und lebt mir Ihrer Tante in einem der vielen Slumviertel von Addis Abeba. Ihr Mutter ist nicht da. Sie ist in Bahrein, weil es dort Arbeit gibt. Eine von tausend modernen Sklavinnen der Vereinigten Arabischen Emirate. Sie will in zwei Jahren wiederkommen, wenn Ihr Vertrag ausläuft. In der Zwischenzeit schickt sie Geld nach Hause. Um eine Wohnung zu kaufen, endlich raus aus dem Dreck. Zu dieser Wohnung fahren wir jetzt gemeinsam. Sie liegt in der Peripherie von Addis, einem Neubauviertel sagt man mir.

Dieses beginnt an einem neuen Kreisverkehr. Zunächst fahren wir an von Chinesen gebauten Wohnblöcken vorbei. Hunderte von Neubauwohnungen. Dann kommen wir durch ein skurriles Viertel, in dem fleissig an dutzenden Einfamilienhäusern der äthiopischen Diaspora gebaut wird. Man kann erkennen, in welches Land der Besitzer ausgewandert ist: Schweden, Italien, Frankreich, Naher Osten, Ferner Osten, USA.

Und dann, dann sehe ich etwas, was ich nie zuvor gesehen habe: wohin das Auge reicht Neubauten, Wohnblöcke, Mietskasernen. Hunderte. Tausende. Zwanzig Minuten dauert die Fahrt durch diese Neubauwüste. Häuserskelette, oft nur Rohbauten, in deren Erdgeschossen teilweise  bereits Wäscheseile hängen oder Geschäftstüchtige Kaffee und Wasserflaschen an die Bauarbeiter verkaufen.

Der Staat hat sie bauen lassen. Es gibt eine Warteliste und ein Losverfahren. Wenn man im Losverfahren gezogen wird, muss man schnell für 3.000 USD kaufen. Das entspricht 60 Monatslöhnen für eine arme Familie wie die von Meron, bevor die Mutter ausgewandert ist. Nun verdient sie etwas besser und hofft, schneller diese Schulden abzahlen zu können.

Endlich sind wir da. Die Vorfreude ist riesig. Wir stehen vor der Wohnung und Meron strahlt, wie ein Honigkuchenpferd. Noch nie habe ich ein so glückliches Kind gesehen. Sie hält den Schlüssel stolz in der Hand, steckt ihn ins Schloss, doch bevor sie aufschliesst lässt sie sich fotografieren vor der Eingangstür, ein Foto für die Mama.

Als sie aufschliesst klappen uns die Kinnladen herunter. Wir Europäer kämpfen mit dem Tränen, vor Wut. Wie kann man eine „fertige“ Wohnung so übergeben? Abgesehen vom Bauschutt, der überall herumliegt hängen die Kabel von der Decke, wenn man dieses Gewirr aus Holzstangen und Kabelspaghetti unter einem Wellblechdach überhaupt Decke nennen kann. Das Bad hat lediglich eine im Boden eingelassenes „türkisches Klo“ aus Porzellan, keinerlei Waschbecken. Die Fliesse an der „Stufe“ springt beim ersten Betreten, die „Stufe“ ist inexistent, ein nicht verkleidetes Etwas, Stolper- und Verletzungsgefahr hoch. Die „Küche“ hat keinerlei Anlagen oder Verkleidungen, die Rohre starren einen wie große hohle Augen aus der Wand an. Der Verputz geht nur bis zu zwei Metern zwanzig, ab da sind die Löcher in der Wand so groß, dass man zum Nachbar durschschauen kann. Die Schiebefenster gehen nicht auf, da beim schlampigen Bau Zement in deren Schienen gefallen ist und das Öffnen verhindern.

Eine Frechheit. Eine Ungerechtigkeit. Wir sind beschämt. Wir versuchen, uns nichts anmerken zu lassen.

Meron strahlt, sie ist überglücklich und dankbar: für Sie ist es die erste Wohnung, deren Tür man abschließen kann und die Sicherheit bietet. Sie jubelt und klatscht. Das erste mal eine trockene Unterlage, ausgegossener Zement anstatt Erde. Stabile Mauern anstatt Wellblech.

Nur das Wellblechdach, das hatte sie auch vorher schon.

Als wir gehen, kommen uns von der Strasse vier Staatsdiener in dunkelblauen Anzügen entgegen. Sie gehen schnurstracks auf die Bauarbeiter zu. Ob sie kontrollieren oder abkassieren können wir nicht sehen.

Fendika Club

Fendika Club

Am ersten Wochenende meines Aufenthalts in Addis Abeba wurde ich mittags von sardischen Freunden zu einer großen Geburtstagsfeier im „Fendika Club“ mitgenommen. Es gab zu essen und zu trinken und es wurde getanzt, Geschenke überreicht und auch für die „Scuolina di Yeka Forest“ Geld gesammelt. Dazu an anderer Stelle mehr. Der Großteil der Veranstaltung fand im Freien statt, es waren vor allem Lehrer der italienischen Schule in Addis Abeba und deren Partner da, aber auch andere Italiener, wie zum Beispiel Geschäftsleute und Studenten oder auch ehemalige äthiopische Abiturienten der italienischen Schule. Im hinteren Teil des Fendika Clubs gibt es einen kleinen Ausstellungsraum, in dem eine Ausstellendes Künstlers Tamerat Siltan zu sehen war. Er kreiert Bäume oder Rinden von Bäumen in einem Land, in dem es keine Bäume mehr gibt.

Es war eine schöne Feier. Dabei habe ich auch Melaku Belay kennengelernt, den Gründer des Clubs, der mir als Tänzer traditioneller Tänze vorgestellt wurde. Er warb dafür, ich möge am kommenden Freitag doch abends zu einem Konzert kommen und ich versprach das zu tun.

Die ganze Woche über habe ich vergeblich versucht, Begleitung zu finden und so beschloß ich, alleine in den Fendika Club zu gehen, zu groß war meine Neugier auf Jazz aus Ethiopien. Der Fenika Club lag nicht weit von meinem Hotel, ungefähr eineinhalb Kilometer, doch nach Einbruch der Dunkelheit geht man hier nicht zu Fuß – eher weil man auf den dunklen Straßen ohne Gehwege droht, zu stolpern oder überfahren als ausgeraubt zu werden. Also begab ich mich auf die Suche nach einem vertrauenswürdigen Fahrer. Diese Suche hat ein großartiges Ende:

Million hatte abgesagt, er habe zu tun (vielleicht war ihm die Fahrt zu kurz?), ein anderer Fahrer sagte zuerst zu, rief aber kurz vorher an ein Reifen wäre geplatzt. So wandte ich mich an den Flughafenshuttleservice des Hotels. Der rief einen Fahrer und begleitete mich nach draussen, wo er dem Fahrer versuchte, die Lage des Clubs zu erklären. Dieser verstand nicht. Zweiter Versuch. Immer noch war dem Fahrer unklar, wohin er musste, da er wohl nur die Strecke zum Flughafen kannte. Da wurde es dem Hotelangestellten zu dumm: er befahl dem Fahrer auszusteigen, setzte sich selbst ans Steuer und fuhr mich – den verdutzten Fahrer zurücklassend – selbst in den Club, aus dem er mich zwei Stunden später auch wieder abholte! Das fand ich mal eine pragmatische Lösung!

Einmal angekommen fand ich eine sehr gemütliche Atmosphäre in dem kleinen Raum mit tiefer Decke und Teppichbehangenen Wänden. Man saß auf kleinen Holzstühlen, neben mir zwei junge Frauen, eine davon wohl eine Bekannte von Melaku Belay. Als ich eintraf begrüßte mich Melaku, der Musik „auflegte“ – zum einen mit echten alten Vinylplatten, zum anderen mit einem MacBook. Dabei konnte man klar sehen, Melaku macht nicht Musik, er lebt Musik: sein ganzer Körper wippte, zitterte, wogte, er schlug mit den Händen auf seine Schenkel, den Tisch, die Bank auf der er saß. Ein Spektakel! Das anschliessenden Konzert war ganz in der tradition des Ethio-Jazz, einer Fusion aus traditioneller Äthiopischer Musik und dem Jazz der 1970siebziger Jahre.  Wunderschön.

Hier geht es zur im Anschluss von mir erstellen Ethio-Jazz-Playlist, und hier zu Playlist mit afrikanischer Musik aus mehreren Ländern.

Der (fehlende) Dialog

Der (fehlende) Dialog

Als erstmalige Teilnehmerin bei einer Konferenz zwischen Vertretern der Europäische Union under der Afrikanischen Union in Addis Abeba war ich entsetzt über die verfahrene Situation. Es gab während aller Gespräche vereinfacht gesprochen nur zwei Haltungen:

  1. Die Europäische. Diese leidet darunter, nur als Geldgeber und nicht als Partner gesehen zu werden und fordert deshalb Gegenleistungen unterschiedlicher Art: Öffnung der Märkte, „Commitments“, „Partnerschaft“, Stärkung der AU, Stärkung der Menschenrechte, Bekämpfung von Korruption, Eindämmen der Flüchtlingsströme. Die EU empfindet jede auch noch so berechtigte Kritik als EU-Bashing, das den Dialog nicht fördert.
  2. Die Afrikanische. Diese leidet darunter, dass die Europäer Ihre Verantwortung weder für die vergangene Ausbeutung noch für die aktuellen und laufenden Ungerechtigkeiten verbal anerkennen will und fordert die EU auf, Ihren „Kolonialsprech“ (sie sagen „narrative“), also die gebetsmühlenartig wiederholte europäische Interpretation der misslichen afrikanischen Lage aufzugeben und stattdessen die afrikanische Wahrnehmung ernst zunehmen.

Diese zwei Haltungen, die wie im Ping-Pong bei jedem der 5 Sessions hin und hergingen verhindern jeglichen echten und konstruktiven Dialog. „Die Afrikaner“ haben kein Vertrauen in Europa und jeder noch so gut gemeinte Vorschlag wird misstrauisch hinterfragt und ggfs. abgelehnt. „Die Europäer“ sehen Afrika nach wie vor als Kontinent, der unseren wirtschaftlichen Interessen zu dienen hat.

Wir brauchen einen „Willy Brandtschen Kniefall“, der offiziell für die Ungerechtkeiten aus der Kolonialzeit um Vergebung bittet. Darüber hinaus sollten wir auch die aktuellen international ungerechten Handlungen benennen, die Afrika schaden und uns explizit verpflichten, daran zu arbeiten, diese abzuschaffen und an einer EU Richtlinie zum Thema Geldflusstransparenz/Korruptionsdatenbank arbeiten. Wenn wir das nicht tun, sind wir nur scheinheilig und die Afrikaner misstrauen uns zu recht. Grundvoraussetzung für weiteren Dialog aus meiner Sicht: Fehler und Schwächen auf beiden Seiten zuzugeben und definieren, wie man jeder für sich und auch gemeinsam daran arbeiten kann.

In weniger als 10 Jahren wird die EU in Afrika weder politisch noch wirtschaftlich eine große Rolle mehr spielen, Länder wie China und Indien, aber auch der nahe Osten werden hier die Führung übernehmen, da sich Afrika dorthin orientiert wird.

Das Thema Migration aus Afrika nach Europa ist für die EU ein riesiges, für Afrika ein untergeordnetes. Der Großteil der afrikanischen Flucht und Migration findet innerhalb des Kontinents statt, nur eine kleiner Teil verlässt den Kontinent und von diesen gehen die meisten in den nahen Osten oder nach Asien, nur ein Bruchteil nach Europa. Deshalb ist auf Seiten der Afrikaner wenig Verständnis dafür da, dass das Thema in Europe so eine große Rolle spielt. Ausserdem begreifen Afrikaner nicht, warum Migration so negativ besetzt ist in Europa, nachdem doch die Welt historisch voller Migranten und Migration ein natürliches Phänomen ist, von dem immer beide Seiten profitieren.

Die afrikanische Seite fragt zu recht, was denn in der öffentlichen Diskussion in Europa zum Thema Migration gesagt wird, warum diese negativ gesehen wird und ob denn in der öffentlichen Wahrnehmung die Fluchtursachen bekannt sind? (Hier hat mich besonders die Statistik beeindruckt, dass die remittencies, also die nach Hause gesandten Geldtransfers der Auswanderer in Summe mehr als die EU Hilfen und Investitionen ausmachen).

Wir brauchen meiner Meinung nach eine unabhängige politische Stiftung/Plattform, die sachlich, mit Statistiken und Belegen, Land für Land konkret und detailliert informiert, wo die Flucht bzw. Migrationsursachen liegen und wie diese verändert werden müssten, was jeder einzelne dazu tun kann, aber was auch unserer Regierungen / die Politik tun müsste und was das wiederum für Konsequenzen hätte. Letztendlich muss es langfristig zu einer Systemveränderung kommen, zu einem Paradigmenwechsel, wenn wir globale Gerechtigkeit wollen. Also eine Plattform zur Bildung und Meinungsbildung. Eventuell noch verknüpft mit einer Korruptionsdatenbank/transparency international.

Was die EU Minister zur Zeit als Erfolg feiern sind nur weitere für Afrika unvorteilhafte Freihandelsverträge und keine guten Lösungen.

Rasta und Haile Selassie

Rasta und Haile Selassie

Wusstet Ihr, dass Äthiopien zu den ältesten Ländern der Welt gehört? Ein meist unabhängiges und nicht kolonialisiertes Land, wenn man von den 5 Jahren Besatzung durch Mussolini absieht? Und wusstet Ihr, dass die Rasta-Bewegung nach dem ehemaligen Herrscher Saile Selassie benannt sind, der bevor er Kaiser wurde, Ras Tafari genannt wurde? Man nannte ihn auch Negus Negesti, den König der Könige.  Er holte die nach Jamaika ausgewanderten Afrikaner in die Heimat zurück und gab Ihnen ein Stück Land, in dem einem der Atem vom Rauch der Joints genommen wird erzählt man mir. Halie Selassie wird heute noch verehrt und allerorts zeigen ihn Fotos and Wänden oder in Taxis.

2500m über dem Meer

2500m über dem Meer

Puh! Schon nach den ersten 10 Stufen am Flughafen mit meinem schwerem Handgepäck – der Fotoausrüstung – war ich komplett ausser Atem! Die Atemlosigkeit wird mein ständiger Begleiter werden in diesen Tagen in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Addis Abeba, die dritthöchsten Hauptstadt der Welt nach Quito (Bolivien) und Sucre (Equador).

Addis Abeba, die „Neue Blume“ in der  Sprache der größten Bevölkerungsgruppe, amharisch. Die Amhari und die Omori protestieren zur Zeit gegen die politische Vormacht der Tigray in der Regierung. Ethnische Unruhen sagt man gerne dazu. Wohl eher ein Konflikt um Ressourcen, es geht um Land, um Wasser, um Einfluss, der Cleavage ist hier aber nicht nur die Ethnie sondern auch der Konflikt Hauptstadt mit 5 Mio Einwohnern Stadt vs. Land, dessen Bevölkerung von 100 Millionen Einwohnern hauptsächlich auf dem Land lebt, 80% der Menschen arbeiten in der Landwirtschaft. Addis Abeba die neue Blume, denn die Stadt ist relativ jung. Hauptstadt erst seit 1889, Entwicklung zum Handelszentrum und nach einer kurzen Besatzung durch die Italiener – vom 5. Mai 1936 bis 5. Mai 1941 – kam das große Aufblühen erst in den 60ger Jahren des 20. Jahrhunderts durch die Ernennung von Addis Abeba zum Sitz der Afrikanischen Union. Auch die Vereinten Nationen haben hier seit Jahrzehnten ein großes Zentrum, all das bringt Diplomaten aus aller Welt hierher in teure Hotels, die alle dem Staat gehören und von den großen Ketten wie Hilton, Raddisson und Sheraton betrieben werden. Diplomaten, mit denen ich mir nun eines dieser Hotels teile.

Atemberaubende Schönheiten, vor allem die Frauen. Der aufrechte würdevolle Gang, die schwarzen Augen, die weiche schimmernde Haut und die wunderschönen Gesichtszüge. Im Hilton tragen sie dazu Schuhe, bei denen einem der Atem stockt: wird sie stolpern? Schuhe ohnegleichen, hoch und aussergewöhnlich. Die Frauen auf der Strasse, in traditionellen weissen, luftigen langen Gewändern mit Brokat oder auch in schlichter Alltags- oder Arbeitskleidung haben sehr schöne Gesichter und den gleichen aufrechten Gang. Man sagt, die Frauen verrichten hier die schwerste Arbeit auf den Baustellen und tatsächlich kann ich täglich von meinem Hotelfenster aus beim Bau eines Hochhauses eine junge Frau mit krausen langen schwarzen Haaren, zum Pferdeschwanz geflochten, beobachten, wie Sie Steine schleppt. Fairerweise gilt es zu erwähnen, dass auf der gleichen Baustelle auch Männer arbeiten, die schwere Zementsäcke schleppen. In atemberaubender Höhe und ohne jeden Schutz. Jeder für sich.

Abgase, die das Atmen erschweren. Braune Luft, dünne Luft. Leichte Übelkeit nach dem Aufwachen jeden Morgen, so müssen sich Schwangere fühlen. Hin und wieder leichter Schwindel aber vor allem Atemlosigkeit bei jeder Treppenstufe die mir begegnet. Meine Freunde sagen, es dauert bis zu einer Woche, bis diese Symptome, zu denen auch Schlaflosigkeit und leichte Kopfschmerzen gehören, verschwinden. Just, wenn ich dann auch wieder verschwinde…

Amöbenruhr & Heimreise

Heute bin ich krank und zu Hause: seit gestern Abend Durchfall, der heute immer schlimmer wurde. Wir haben morgens noch gemeinsam den Mietwagen abgegeben, alles ok, der halb volle Tank hat ueberhaupt keine Rolle gespielt, da hier ein ganzer Tank Benzin ja nur 1 Euro kostet. Mittags bin ich dann alleine mit einem offiziellen und teuren aber sicheren Taxi nach Hause gefahren und habe mich ausgeruht, Kamillentee getrunken um die Bauchkraempfe zu beruhigen. Hoffentlich ist es morgen besser, denn auf Reisen mit Durchfall ist nicht schoen. Obwohl hier die meisten Toiletten wirklich sehr sauber sind. Es gibt aber auch welche, die dreckig sind und kein Wasser haben. Seife gibt es auch in den sauberen fast nie, so habe ich mir angewoehnt, eine eigene kleine Seife mit mir herumzutragen, sowie jede Menge Kleenextuecher, denn Klopapier gibt es auch nicht ueberall und das Papier schmeisst man bz the way nicht ins Klosett, sondern in einen neben ebendiesen stehenden Behaelter, damit ersterer nicht verstopft…

Update:

Heute Nacht hohes Fieber, Kraempfe und Durchfall wie Wasser alle 20 Minuten. Heute frueh zum Arzt, dann ins Labor. Ergebnis: AmöbenruhrNa toll. Antonio ist auf dem Weg in die Apotheke, damit wir die Viecher tot kriegen bevor sie die Darmwand durchbrechen…
Interessant: die sehr starken, systematischen Antibiotika gegen Amöbenruhr kosten gerade mal 1 Euro, die „normalen“ Antibiotika hingegen, die einem verabreicht werden, um Nebeninfektionen zu vermeiden sind hingegen sehr teuer, eine Packung 80Euro!
Wir haben vor Reiseantritt eine Reiseversicherung bei der Hans Merkur abgeschlossen. Wie jedes Mal, seit 20 Jahren. Diesmal neu: eine Jahresversicherung fuer alle Reisen in diesem Jahr. Kostet 49 Euro. pro Person. Da ich nun verstaendlicherweise frueher zurueckfliegen moechte, um mich im Tropeninstitut in Tuebingen kontrollieren und nachbehandeln lassen mochte, habe ich uber das Reisebuero angefragt, ob das die Versicherung abdeckt. Diese hat sich nun eingeschaltet und mit mir telefoniert. Uebrigens nicht die Hanse Merkur selbst, sondern die ROLAND Assistance GmbH, wahrscheinlich der Outsourcer fuer die Abwicklung.Der Arzt aus Deutschland hat mit dem Arzt hier telefoniert. Die Kur, die mir zuteil wird ist richtig und gut. Laut IATA Vertraegen ist es aber nur gesunden Patienten erlaubt zu fliegen, die Fluggesellschaft kann jederzeit den Transport von kranken Patienten ablehnen. Die Versicherung muss der Fluggesellschaft melden, dass ich krank bin und wann ich wieder gesund bin. Sollte das bis Montag nicht der Fall sein, muss ich noch laenger hier bleiben und spaeter fliegen. Diese Kosten uebernimmt dann die Versicherung.
Heute sind wir fuer die hoffentlich letzten drei Tage ins Hotel umgezogen. Ins „Casa Infinito“ in dem Bezirk Alta Florida. Der Grund: seit gestern Abend gab es in der Wohnung unseres Freundes weder Wasser noch Gas, auch heute nicht, es werden Wartungsarbeiten durchgefuehrt. Heute Nacht haben wir uns sehr erschrocken, da es ganz in der Naehe eine Gasexplosion gab, die so laut war, dass wir beide davon aufgewacht sind.
Inzwischen geht es mir besser, mein Darm hat sich beruhigt und ich mich auch. Meine Gemuetslage ist auch wieder etwas besser, ich will zwar immer noch schnellstmoeglich nach Hause, habe hier aber in dieser Posada das erste Mal seit 3 Wochen, eine Dusche, die sofort warmes, nein, sogar heisses Wasser UND dazu noch einen hohen Wasserdruck bietet; die Betttwaesche ist strahlend weiss und gebuegelt (!), alles sauber, wir haben eine fantastischen Blick ueber die riesige Stadt und auf den Berg Avila und es ist verhaeltnismaessig ruhig. Es gibt eine schoene von Bougainvillen ueberwachsene Veranda und eine Terasse zum Sonnenbaden. Die Posada gehoert einem Italiener, der in La Hatilla ein Antitquitaetengeschaeft hat – sieht man mal wieder die Europaeische Hand? Wir haben hier auch eine weiblich-familiaere Atmosphaere gefunden, die mir gut tut. Hier vor Ort sind 6 Frauen: 3 Gaeste: die zukuenftige Schoenheitskoenigin Venezuelas, die sich gerade die Nase hat operieren lassen und dementsprechend ein furchtbar entstelltes Gesicht hat, das sie vor der Aussenwelt verstecken will, ihre Mutter und eine weitere unbekannte Schoene, die Koechin oder Chefin, eine zweite Koechin und Ihre Tochter. Die Atmosphaere in der Kueche, wo wir Frauen uns aufhalten (ich wollte nach dem Schlaf einen Kaffee) ist warm und herzlich und sie tut mir gut. Es wird getratscht und es wird erzaehlt und Anteil genommen, zum Beispiel am Rosenkrieg der juengeren Koechin mit ihrem Ex Ehemann (Streit ums Kind). Ich fuehle mich hier wohl und sicher und ich bin zuversichtlich, am Montag endlich in den Flieger  nach Hause zu steigen.
Nie habe ich mich so auf zu Hause gefreut wie dieses Mal!

Heimreise

Wir sitzen am Gate. In ein paar Stunden geht es los. Was ich noch nicht weiss: wir werden direkt vor dem Einstieg von der Militärpolizei in eine Frauenschlange und eine Männerschlange getrennt. Direkt am Flugzeug werden wir Frauen von Militärpolizistinnen oberflächlich untersucht, scheint eher eine Show als eine ernsthafte Sicherheitskontrolle zu sein. Trotzdem liegen meine Nerven blank, denn ich bin von Antonio getrennt und habe Angst, dass er aufgehalten wird. Beim Besteigen der Lufthansa Maschine fühle ich mich einerseits erleichtert und sicher, andererseits habe ich große Sorge um Antonio. Ich bitte den Stewart, nicht zu starten, bevor mein Mann, den ich ih kurz beschreibe, an Board ist und nenne ihm unsere Sitzplätze. Er sieht meine Angst und verspricht es mir. Nach einer Viertelstunde kommt er zu mir, um zu checken, ob Antonio inzwischen da ist. Da habe ich bereits einen Nervenzusammenbruch und heule. Ich sage ihm, dass ich wieder aussteige, wenn Antonio nicht unter den Passagieren ist. Nach weiteren unendlich langen Minuten kommt Antonio dann strahlend zu mir und erzählt, ein Steward hätte ihn angesprochen, dass seine Frau schon sehnsüchtig auf ihn warte – was denn los wäre? 
Naja, mein Nervenkostüm war wohl sehr dünn nach der Erfahrung mit den (Un-) Sicherheitskräften (siehe Eintrag Polizeipiraten), geschwächt durch meine Krankheit. Nun freu ich mich auf Wasser und Seife auf den oeffentlichen Toiletten. Strassen ohne Schlagloecher und massenweise zerquetschte und enthaeuptete Hunde. Rechtssicherheit. Frische Luft. Angstfreies Ausgehen. Laugenweggle mit Butter 🙂
Vermissen werde ich: Die netten Menschen. Das angehme Klima. Die faszinierende Natur. Die Vorurteilsfreiheit und Neugier der Menschen. Die Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit. Die schwarzen Bohnen. 

Rassismus und Diskriminierung

Wieder einmal die Herausforderung Taxi: Antonio will mit der Metro zu seiner Familie und ich alleine mit dem Taxi zurueck nach Hause. Antonio begleitet mich zu einer Taxigesellschaft, die zu einem Einkaufszentrum gehoert und uebergibt mich dem Taxifahrer; man scherzt ueber Sicherheit. Ich steige ein, wir kommen ins Gespraech und als der Fahrer erfaehrt, dass ich Deutsche bin fragt er: Stimmt es, dass es in Deutschland viele Rassisten gibt? Das muss ich ihm leider bestaetigen. Nicht von Seiten der Regierung oder der Politik, auch keineswegs die Gesetzgebung. Aber seien wir ehrlich: es gibt leider viel zu viele Menschen mit Vorurteilen in Deutschland, es existiert ein latenter Rassismus und es ist keineswegs egal, welche Hautfarbe, welche Nationalitaet, welchen Koerperumfang und in juengster Zeit vor allem leider nach nur 60 Jahren schon wieder, welche Religion man hat. Wir diskriminieren immer noch, vielleicht unterbewusst.Das ist  hier anders. Ich habe noch kein Land erlebt, in dem es so egal ist wie hier, ob Du dick oder duenn, gross oder klein, schwarz oder weiss, Christ oder Moslem bist. Vielleicht liegt es daran, dass dieses Land eine schwach ausgepraegte eigene Kultur hat und es keine klare Vorstellung von „dem Venezoelaner“ gibt.Man wird voellig „indiskriminiert“ behandelt, das hat viel Gutes, es macht das Miteinander einfacher, offener, geloester. Tatsaechlich sind alle Begegnungen hier bisher immer frei und angenehm verlaufen, die Menschen sind herzlich, gastfreundlich, nett, offen und neugierig auf „das Andere“. Selbst der oben erwaehnte Taxifahrer liess sich ueberzeugen, dass es zwar im Vergleich zu Venezuela viel mehr Vorurteile und Rassismus in Deutschland gibt, aber dass er nicht so schlimm ist, wie es in den Filmen, die er erwaehnt hatte und aus denen er sein Wissen bezogen hatte, immer dargestellt wurde. Er hatte einfach viele Fragen und wollte etas ueber Deutschland lernen. Das wuerde ich mir in Deutschland auch etwas mehr wuenschen.Doch leider trifft das „indiskriminierte“ auch auf die Ueberfaelle zu. Diese verschonen keinen: schwarz oder weiss, arm oder reich, jung oder alt, Tourist oder Einheimischer: alle werden zu Opfern.  Wir haben inzwischen live miterlebt, wie es auch den Sohn eines (anderen) Taxifahrers erwischt hat, von der Polizei ausgeraubt zu werden. Und jeder (!) dem wir das erzaelt haben, war ebenfalls schon Opfer dieser „behoerdlichen Eingriffe“ in den Geldbeutel.

Der Chavista

Unser Gastgeber und seine Freundin sind „Chavistas“, Anhaenger von Chavez. Nicht von Anfang an. Sondern seit dem „Paro Petrolero“. Das war 2002, als die Chavez Gegner einen Streik in der Oelindustrie durchgefuehrt hatten. Viele Unternehmen sind damals Konkurs gegangen, er und seine Freundin wurden entlassen. Seine Geschwister wurden ebenfalls arbeitslos. Die einzige Einnahmequelle damals war die von Chavez eingefuehrte Rente fuer alle. So konnten er, seine 3 Brueder und seine Mutter ueberleben. Dafuer ist er Chavez immer noch dankbar. Seither arbeitet er in der IT Abteilung des Parlaments.

Es stimme nicht, dass alle, die im oeffentlichen Sektor arbeiten, Chavez Anhaenger seien. Ueber 60% der Angestellten des Parlaments seien Chavez Gegner. Dann kritisiert er die einseitige Informationspolitik der Oppositions-Presse und des Fernsehens, das zum Grossteil in der Hand der Opposition sei. Klar gebe es noch viel zu tun, und auch Chavez mache Fehler, aber er stehe wenigstens zu diesen, informiere darueber und korrigiere diese dann. Ueberhaupt sei er der erste Praesident „zum Anfassen“, der die Bevoelkerung informiere. Mit „Halo Presidente“, der 5-stuendigen Sendung jeden Sonntag, in der meistens Hugo Chavez persoenlich redete, informiere dieser ausfuehrlich ueber seine Aktivitaeten und die Resultate.

Mit faellt ein, dass es mich oefters positiv ueberrascht hat, wie oft in Artikel  und Publikationen, aber auch auf Schildern genaue Zahlenangaben gemacht werden. Da steht nicht: es werden 30.000 Wohnungen gebaut, sondern 31.177 Wohnungen.

An Chavez begistert ihn, dass er dem Immobilienbetrug ein Ende bereitet hat. Wollte man sich in Caracas eine Wohnung kaufen oder bauen musste man viel Geld anzahlen. Uns es passierte nichts. Mit diesem Geld wurden dann andere aber nicht die eigenen Wohnung angefangen, um diese neuen potentiellen Kunden zu zeigen, damit diese auch kaufen. Nach zwei Jahren Wartezeit wurde dann der Preis erhöhot. Angeblich wegen Inlation, Verteuerung der Baustoffe u.a. Damit hat Chavez Schluss gemacht. Er hat die Baumaterialen einfach konfiszieren lassen, die Bauherren teilweise enteignen. Jetzt können sie sich sowas gemeines nicht mehr erlauben.

Der Alltag unseres Freundes beginnt um halb sechs morgens, er verlaesst um halb sieben das Haus, um mit der Metro zur Arbeit zu fahren. Zeimal umsteigen, ueber eine Stunde Fahrt. Abends um sechs ist er wie die meisten Caraceños wieder zu Hause. Essen, fernsehen, Bett. Am Wochenende geht es in die Berge oder ans nahe gelegene Meer. Raus aus dem stinkenen und lauten Moloch.

Die Homosexuellen

Mindestens zwei der Angestellten der Posada in der wir uebernachtet haben, sind offensichtlich schwul. Ich traue mich, einen der beiden anzusprechen und ihn zu der Lage der Homosexuellen in Venezuela zu befragen.

2003 hatte es einen Gesetzesvorschlag zur Gleichstellung von Homosexuellen gegeben. Dieser ist gescheitert, jetzt soll es noch einen geben, sagt mein Interviewpartner, der sich dennoch zuerst als Chavez Gegner, nach ein paar minuten dann auch als Schwuler outed. Die Homosexuellen werden in Venezuela vor allem durch die Gesellschaft diskriminiert, weniger durch die Gesetze. Man wird von den Kollegen geschnitten und gemobbt, aber nicht unbedingt entlassen.

So gibt es einen Professor an den Universidad Central De Venezuela (UCV), der vor 10 Jahren nach einem Spanien-Aufenthalt als Frau zurueckgekommen ist und trozden weiter unterrichtet und das auch gesetzlich durchsetzt, denn er ist Anwalt. Er heisst heute Tamara Adrian.

Dann erzaehlt er noch, dass Transen oft von der Polizei schikaniert, manchmal auch vergewaltigt werden. Venezuela ist ein Macho Land, die Gesellschaft toleriert Homos nicht. Ich erinnere ihn an die Regierungskampagne, die u.a. Anzeigen in der Zeitung schaltet: „Homosexualitaet ist keine Krankheit, Homophobie hingegen schon“. Er bestaetigt, dass die Regierung sich um Aufklaerung bemueht und es offiziell keine Diskriminierung gibt, was aber in der Kultur der Gesellschaft noch nicht angekommen ist.

Polizeipiraten

Wir sind am Sonntag, den 3. Juni gegen 15.30 Uhr von Piraten ausgeraubt worden, genauer gesagt von der Guardia Nacional!

Und das ging so: Wir fahren auf der Autobahn von Barinas nach Barquisimeto. Also wir kurz vor der Landesgrenze zwischen Estado Portugesa und Lara an einer der ueblichen Polizeikontrollen vorbeikommen, werden wir herausgewunken, direkt hinter einem anderen Kleinwagen. Hier das Foto des Kleinwagens und der Reklametafel direkt neben dem Polizeihaueschen.

Sie moechten zuerst den Ausweis von Antonio und mir sehen. Dann soll Antonio austeigen und den Fuehrerschein und die Fahrzeugpapiere zeigen. Dann soll er mit ins Haeuschen kommen. Ich bleibe im Auto sitzen. Als es zu lange dauert, schliesse ich den Wagen ab und gehe auch zum Haueschen. Schliesslich muss ich bei der Gelegenheit auch mal. Antonio kommt mir entgegen und raunt mir zu: sie wollen zwischen 500 und 1000 Bolivares. Warum? frage ich: es wuerde das Gesundheitszeugnis fehlen. Ich frage ob ich aufs Klo darf und das darf ich auch. Ich hoere sie von Klo aus nebenan lachen, wie wenn man einen Streich ausheckt. Antonio ist derweilen zum Auto gegangen ist um zu zaehlen, wieviel Bargeld wir noch haben.

Als ich rauskomme, zeige ich ihnen meine (Fotokopie) des Internationalen Impfpasses aus der Ferne. Ich haette einen Gesundheitsausweis, behaupte ich. Nein, ich braeuchte einen Internationalen. Das ist einer der Vereinten Nationen, beharre ich. Der aeltere, dicke, boesere winkt aber und sagt, sie haetten schon mit meinem Mann gesprochen ich solle mich nicht einmischen. Ich insitiere und sage, jetzt sei aber ich da und ich moechte auch verstehen was wir getan haetten. Ploetzlich ist der Impfpass nicht mehr wichtig, sondern wir haben gegen ein anderes Gesetz verstossen: Wir haetten keine Berechtigung in Venezuela Auto zu fahren, dafuer brauechten wir eine venezoelanische Erlaubnis. Es ist mehr offensichtlich, dass sie einen Grund sichen. Ich sage, dass ich das nicht verstehe, schliessliche haette man uns in Caracas ein Auto vermietet. In Caracas gebe es Gesetze, hier seien es eben andere! sagt der Aeltere, schnauzt den Juengeren an, er moege mir das Gesetz in der Strassenverkehrsordnung zeigen und geht dann nach draussen zu Antonio. Der Juengere blaettert und blaettert und findet natuerlich keinen Paragrafen, der auch nur annaehernd seinen Anschuldigungen entspricht. Dann aendert er seine Taktik, lenkt vom Paragrafen ab und sagt:  wir muessten jetzt nach da hinten fahren und da gemeinsam Geld aus dem Automaten ziehen und 1000 Bolivares zahlen (200€) und wir wuerden dann ein Papier bekommen, dass uns einen Freischein ausstellt, dass wir ab jetzt in Venezuela fahren duerfen. Ich bin sauer und sage, ok, lass uns fahren. Ich nehme schnell unsere Papiere an mich. Auf dem Weg nach draussen argumentiert er, ja, es sei sein Job uns zu begleiten, aber das wueder lange dauern und uns viel Geld kosten, denn wir muessten ein Taxi zahlen. Antonio, der dicke, der juengere und ich sind inzwischen draussen beim Auto. Antonio zeigt, dass wir nur noch 345 Bs besitzten (die Wahrheit) und insistiert, dass er doch schliesslich in Venezuela geboren sei und sie doch bitte gnaedig sein sollen. Der „gute“ sagt dann zum „boesen“: komm, lass uns heute grosszuegig sein…

Wir druecken unser ganzes Bargeld ab, steigen schnell ins Auto, machen die Tueren zu doch bevor wir fahren, mache ich noch von innen ein Foto durch die Rueckscheibe. Das koennen sie nicht sehen, da alle Fenster mit verdunkelnder Folie beklebt sind.

Vielleicht haetten wir es geschafft, dass sie uns so laufen lassen. Vielleicht. Aber vielleicht haetten sie ihre „Freunde“ ein paar km weiter angerufen und diese haetten uns komplett ausgeraubt. Insofern ist es nochmal glimpflich ausgegangen. Leider haben uns alle, denen wir davon erzaehlt haben, abgeraten, Anzeige zu erstatten. Obwohl oder gerade weil die Straflosigkeit eine der groessten Menschenrechtsverletzungen und Probleme darstellt.

Der Soziologe

Wir treffen uns mit Nelson Freitez in Barquisimeto. Er ist Teil der 350 MitarbeiterInnen starken Kooperative Cecosesola. Cecosesola (Central Cooperativa de Servicios Sociales Lara) wurde 1967 als Dachkooperative mehrerer Landkooperativen aus dem Bundesstaat Lara und einiger Stadtteilgruppen aus der Großstadt Barquisimeto gegründet. Heute umfasst Cecosesola 85 basisdemokratische Kooperativen und Vereine. Insgesamt hat Cecosesola mehr als 2000 Mitglieder, die einen wöchentlichen Vorschuss auf den gemeinsam erwirtschafteten Gewinn erhalten. Es gibt auch einen deutschen Ableger dieser Kooperative und sie „touren“ gerade durch Deutschland, bis 6. Juni noch.

Wir befragen Nelson zur Gesellschaft in Venezuela. Er holt weit aus und berichtet, dass Venezuela schon seit den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts eine „Rendite-Gesellschaft“ ist und damit meint er, dass die Einnahmen des Landes nicht einer eigenen Leistung und Produktion entstammen, sondern vom Oelreichtum kommen. Die Wahrnehmung der Bevoelkerung ist: wir sind sehr reicht, aber dieser Reichtum ist ungerecht verteilt. Die Redistibutionspolitik der Regierung(en) entsprach nie den Konsumerwartungen der Venezoelaner und seit den 80ger Jahren gab es immer wieder Proteste. Ein erster Hoehepunkt dieser Proteste fand 1989 statt, im sogenannten „Caracazo“, eine Art Volksaufstand, bei dem es zu Massenpluenderungen und vielen Toten kam.

Doch dieser Protest hat sich nie in eine Buergerbewegung oder eine strake Gewerkschaft gewandelt. Es gaert und sprudelt sehr viel, es gibt viel Bewegung und Unruhe, aber nur wenig Artikulation derselben.  Hugo Chavez raepreesentiert diese Bewegung und gibt ihr eine Form. Die von ihm gewaehlte Form ist die Konfrontation, der Konflikt, die Ueertreibung, der Bipolarismus. Er stimuliert die Wahrnehmung der Klassenunterschiede. Und er begiebt sich auf die Flaeche des „Milliarden Dollar Tanzes“.

Hugo Chavez verteilt die Oeleinkommen unter den Armen und erzielt so die Unterstuetzung von Millionen Menschen, die in einfachsten Verhaeltnissen leben, in Barrios wie Petare. Und er hat das politische System veraendert: er hat die Macht staerk in den Haenden einer militaerisch-zivilen Elite zentralisiert und das zuletzt foederale Modell verbogen.  Nelson nennt das so: „Die Partei und die Regierung haben den Staat besetzt“, zwar nicht formal, aber de facto.

Seit Hugo Chavez an die Macht gekommen ist vor 13 Jahren, wurden viele Kooperativen und „Misiones“ ins Leben gerufen und bestehende, wie die seine ermutigt. Diese basisdemokratische Organisationen artikulieren zum ersten Mal Themen, die vorher unstrukturiert in Form von Protesten vorgebracht wurden; doch der Frust wieder wenn diese an die „glaeserne Decke“ der obengenannten Elite stossen.

Die (politische) Kultur der venezoelanischen Gesellschaft beschreibt er so: man moechte die eigenen Rechte gewahrt und respektiert wissen, ist aber selbst nicht bereit, Regeln einzuhalten. Man ist immer wieder optimistisch, dabei wenig selbstkritisch und kaum lernfaehig. Die oeffentliche Debatte hat keine Tradition und es fehlt an Ethik. Der Grund liegt in dem Widerspruch zwischen dem, was produziert wird und dem was empfangen wird. Wie lebt man, ohne zu arbeiten? Ein toller Hecht ist, wer schnell reich wird mit moeglichst wenig Aufwand. Es wird noch 20-30 Jahre dauern, bis sich das aendert und vielleicht aendert sich das auch nie, denn die Venezoelaner haben das „Groessenwahn-Gen“ ins sich. 🙂

Aus diesem Grund glaubt er nicht, dass sich viel aendert nach den Wahlen im Oktober, selbst im Falle, dass Chavez verliert, denn letztendlich ist es ein schwacher Staat mit schwachen Institutionen. Jeder Praesident  – und hier unterscheidet sich Chavez nicht von seinen Vorgaengern – verteilt das Einkommen des Oels eben an „seine Buerger“.  Bei Chavez sind das die bisher Missachteten, die Armen.

Ob die Gewalt und Kriminalitaet auch prozentual oder nur absolut zugenommen hat (die Bevoelkerung hat sich seit unserem Besuch 1995 fast verdoppelt)?, fragen wir ihn. Die Gewalt hat in jeder Hinsicht zugenommen: sowohl statistisch (absolut und prozentual), als auch in der Intensitaet: heute begegnet man seinem Nachbarn mit einer Schusswaffe. 1980 gab es 18 Tote pro 1000 Einwohner, heute gibt es 48 Tote pro Tausend Einwohner. Nach Honduras und Guatemala ist Venezuela damit auf Platz drei weltweit. Waffen haben an Wert innerhalb der Gesellschaft zugelegt, vielen Menschen besitzen eine Waffe. (By the way – es laueft gerade ein Projekt „Waffenzensus“: die Regierung versucht herauszufinden, wer alles eine Waffe besitzt, die eigenen Polizie und sonstigen Sicherheitskraefte eingeschlossen). Die Wuerde, die Chavez den Armen in den Barrios durch seine Projekte versucht zu geben, versuchen sich viele bisher Missachtete, mit Waffen zu holen. Der coolste ist der, der das staerkste Motorrad, die teuerste Uhr, den neusten Blackberry, die schoenste Frau und die gefaehrlichste Waffe hat.

Zum Schluss befragen wir ihn noch, wie er die Gefahr eines Buergerkriegs einschaetzt, sollte Chavez die Wahlen verlieren? Zum Glueck sei die Mehrheit der Buerger gegen Gewalt und sieht einen Buergerkrieg nicht als Loesung der Probleme. Dennoch wuessten wir als Politologen ja, dass jedem Buergerkrieg verbale Aggressionen vorangehen und diese, sowie die Bipolarisierung, haben sich  unter Chavez verstaerkt. So herrscht an Weihnachten in den Familien oft eine Art Waffenruhe und man spricht ueber anderes…

Der Guerrigliero

Wir trafen ihn des Nachts Anfang Juni in Barquisimeto: Pablo Hernadez ist sicher die umstrittenste Person unserer Reise. Er ist hochinteressant, schnell, scharfsinnig und sehr klar in seinen Aussagen. Am Tag unseres Treffens hatte er gerade ein Buch fertiggestellt, nach dessen Veroeffentlichung er wohl besser nach Italien emigrieren sollte, scherzt er. Mit Mitteln der Menschenrechtsorganisation Provea und der EU finanziert, geht es auch hier, wie um Korruption der Behoerden in Lara. Mitte August veröffentlicht, heisst es „Impunidad y Poder: Historia de las violaciones a lo DDHH en Lara (2000-2011)“. Es kann kostenlos heruntergeladen werden. Ein ganzes Kapitel ist auch Victor Martinez gewidmet, siehe mein Beitrag „Der Revoluzzer“.

Pablo redet schnell, er hat Fakten und Zahlen im Kopf, er zählt die Gewinne aus de Öl auf. Das Öl bestimmt hier alles. Das Leben, die Politik. aber nicht nur hier, weltweit, so Pablo. Es gibt ein magisches Dreieck, in das auch die Banken aus USA verstrickt sind: Veneuzela verkauft Öl an USA. Russland verkauft Öl an China. Doch von den 400 Millionen Barrels kommen nur 110 Mio an. Wo ist der Rest hin? Auf den internationalen Märkten. Die venezoelanische Erdölgesellschaft PDVSA verkauft nur für 1 Mio US $ Öl, nimmt aber 200 Mio US $ ein – woher kommen dann die anderen 199? Cuba, Russland, China, alles Steuerparadiese. Alles ist ein Nummernspiel, sagt er uns und rechnet so schnell vor, dass mir ganz schwindlig wird. Klar, dass er in Venezuela als Experte für das Thema Erdöl bekannt ist und immer wieder zum Thema schreibt, zum Beispiel hier.

Das Erdöl, Drogen und das grosse Finanzkapital regieren die Welt und auch Venezuela. Pablo vermutet, alles hier, auch Chavez, könnte von den USA gelenkt sein. Er zitiert einen US Amerikanischen Kolonell, der 1992 bereits behauptet hätte, Chavez wäre ein Spion, ein Agent der USA. Mir wird erneut schwindlig.

Wir wechseln das Thema: der Staat als Versorger. Der grösste Arbeitgeber in Venezuela ist der Staat, es gibt 2.5 Mio Beamte in Venezuela. (Zur Erinnerung: die Gesamtbevölkerung liegt bei etwas unter 30 Mio). Davon sind 140.000 Poliziesten, die Militärs kommen noch oben drauf, der Rest arbeitet in Vewaltung, Gesundheit und Bildung. 100.000 arbeiten in der Erdölindustrie. Der „Estado Benefactor“, der Versorgerstaat ist jedoch nichts neues. Schon unter Perez Jimenez, von 1959 bis 1975 wurde die Bevölkerung mit kostenlosen Gesundheits und Bildungssystemen verwöhnt. Es hätten sich überall „Erdölparasiten“ eingenistet, nach dem Motto „gebt mir nichts, sondern bringt mich dorthin, wo es etwas gibt“. Parasiten – gerade auch der Mittelstand in Venezuela, so Pablo. Doch es sei gerade die Linke, die in Venezuela den Staat ausnutzt wie nirgends sonstwo.

Es gibt jedoch auch Personen und kleinere Gruppierungen von authentischen Linken. Umweltschützer, Urbanisten, die daran glauben, dass es möglich ist, eine friedliche Transformation der Gesellschaft zu erschaffen. Pablo glaubt auch, dass Chavez insgesamt das System verändert hat und dies nicht mehr umkehrbar ist. Auch ein Capriles könnte das Rad nicht zurückdrehen, sollte er die Wahlen im Oktober gewinnen. Chavez‘ grösster Verdienst laut Pablo ist, die Ausgeschlossenen mobilisiert zu haben. Wenn Chavez die Wahlen verliert, dann gibt es eine „Übergangsregierung“, so die Vorhersage von Pablo, und dann entwickelt sich eine Situation wie in Bolivien oder Ecuador: Misere, Arbeitslosigkeit. Dann kommen die Chavistas nach 4 Jahren als Helden und Retter zurück.

Ein wachsendes Problem ist die Straflosigkeit.  Gerade die Sicherheitsbehörden sind sehr korrupt. Nachgewiesenermassen begehen 20 % der Polizisten Straftaten, das sind 28.000. Da diese immer 3-4 Komplizen haben, kann man davon ausgehen, dass ca. 80.000 Polizisten kriminell sind!  (Die Erfahrung hatten wir ja gerade selbst gemacht, siehe Eintrag „Polizeipiraten„).

Warum diese zugenommen hat? Weil Chavez die Judicative und die Legeslative kontrolliert: die Justiz und das Parlament. Ein Beispiel: im November 1995 gab es im Staate Lara und Bolivar zwei Militärbanden, die mit 3000 (!) kg Kokain  erwischt wurden. Diese sind jedoch nie verhaftet worden. Chavez lässt die kriminellen Militärs und Polizisten machen, was sie wollen, denn so hat er sie in der Hand und kann sie kontrollieren.

Und so sind wir wieder beim Thema seines Buches angekommen, „Straflosigkeit und Macht“, hier das Deckblatt. Knapp 500 Seiten Zündstoff…

 

Fußball und Rapper Battle

Weil’s so schoen ist sind wir noch einen zweiten Tag in Merida geblieben. Morgens super gut gefruehstueckt, Arepas, Ei, Schinken, Marmelade, gestostete Semmeln, Honig aus der Region und Kaese. In der besten Posada Venezuelas! Posada Casa Sol.

Dann in die Waescherei und zum Schneider. Anschliessend zum Markt gefahren und dann um eins Fussball geguckt in einem luftigen Restaurant mit ca. 80 anderen Menschen: Venezuela gegen Uruguay. Qualifikation fuer die WM 2014. Als endlich das Ausgleichstor fiel haben alle mit dem Bier gespritzt wie wild. War lustig und laut und nass.

Abends haben wir dann auf der Plaza Sucre einer Rapper-Battle beigewohnt, 10 Rapper sind gegeneinander angetreten, das Publikum (ca. 80-1oo Freunde) hat lautstark abgestimmt, wer der bessere ist. Gewonnen hat ganz knapp vor „El Criminal“ der einzige weisser Rapper. „El Conuto“. Organisiert hat „Wladd Sico Lodds“, seinen richtigen Namen hat er nicht verraten. Er hat ein Facebook Profil und man findet ihn bei Soundcloud unter WLADD28. Die Battle hat er ueber Facebook organisiert. Das ganze brav bei der Stadt angemeldet und genehmigt bekommen. Jeder Teilnehmer hat einen kleinen Beitrag gezahlt, der Gewinner die Gesamtsumme erhalten.

Echt cool! Habe sowas noch nie lieve gesehen, kenne das nur aus dem Eminem Film „8 miles“. Video/Sound kommt noch.

Kultur für’s Volk

In Merida sind wir am Nachmittag zuerst zur Plaza Bolivar, in allen Staedten der zentrale Platz. Es gibt dort immer eine Kirche, den groessten Palast im Ort, meist das Rathaus und eine Statue von Simon Bolivar, manchmal auf einem Gaul, manchmal Staatsmaennisch gediegen. Auf der Plaza Bolivar von Merida wurde am Nachmittag ein Theaterstueck auf der Strasse aufgefuehrt. Ungefaehr fuenfzig Zuschauer.

Danach sind wir bei unserem Spaziergang zufaellig auf ein Centro de la Cultura gestossen. Furchtbar haesslich von aussen, sieht aus wie ein Parkhaus. Aber drinnen war der Hammer! Es war zwar immer noch haesslich, alles Beton, aber was mich begeistert hat, war das Konzept! Wenn ich an die Urania in Berlin oder den Gasteig in Muenchen denke, dann sehe ich viel Kultur, die „konsumiert“ wird: man geht hin und schaut oder hoert zu, was einem geboten wird. Hier in Merida ist es ein Platz, um selbst Kultur aktiv zu erschaffen und jeder kann mitmachen! So haben wir zum Beispiel Breakdancer beim Ueben auf den spiegelblanken Platten bebachtet, daneben eine Gruppe Hip Hop Taenzer – sie bringen Ihre Musik und Ausruestung mit und ueben dort.

Weiter vorne hat eine Gruppe Menschen irgendeine der Asiatischen Yoga – Feng-Shui – Ayurweda oder was weiss ich was betrieben (merkt man, dass ich mich da nicht auskenne?) 🙂 und auf einem anderen Zwischenstock hat eine junge Frau drei Jungs asiatische Kampfkunst mit einem Bambumrohn beigebracht. Wieder an einer anderen Stelle hing ein meterlanges Tuch vom dritten in den ersten Stock, an dem Akrobatik geuebt wurde. Im Keller gab es im „Gang der Poesie“ Litfass-Saeulen mit Poesie, weiter hinten ein Atelier, in dem selbst die traditionellen Venezoelanischen Teufels-Masken hergestellt werden koennen. Am Ende des Kellers gab es dann noch ein Bolivarianisches Mitmach-Radio und eine kostenlose Assistenz von Anwaelten fuer Arme. Dazu kostenlosen Unterricht in Computernutzung, eine Kinothek, einen Theater und Konzertsall, in den ca. 80 gleich blau gekleidete Jungendliche verschwunden sind fuer eine Auffuehrung ein paar Stunden spaeter. Wow! Das hat mich beeindruckt!

Als wir die Besichtigungstour im Keller beendet haben, sind wir eingesperrt, zusammen mit einer Mitt-Fuenzigerin. Der Hausmeister laesst uns wieder raus und ploetzlich redet die Dame wie wild auf Antonio ein, eine Flut an Fluechen und Beschwerden, so schnell kann ich gar nicht mitschreiben! Es geht um einen lokalen Politiker der in 2 Stunden hier auftauchen soll und fuer den sie arbeitet und sie fuehlt sich von ihm ausgenutzt und immer die ganze Drecksarbeit und dann ist er so unzuverlaessig, undsoweiterundsofort. Nach ein paar Minuten ist das Gewitter vorbei und sie laesst den verdutzten Antonio stehen.

Abends wollen wir noch in eine Bar, aber alle drei Bars, die uns empfohlen wurden, sind dunkel, geschlossene Schuppen mit Super-lauter Musik, die Dir schon draussen den Magen vibrieren laesst und Schlange vor der Tuer. Darauf haben wir keine Lust.

Die Anden

Wir sind am Donnerstag hoch in die Berge gefahren, nach habe dort in einem kleinen Ort namens Timotes uebernachtet, es war kalt und neblig. Wir sind zuefaellig in eine Kommunion geraten. Dort ist es Brauch, sich mit Mariachi, mit traditionellen Musikern abbilden zu lassen. Aber ansonsten schien die Kommunion wie bei uns auch: viel Aufregung und Stress fuer gross und klein. Hier in Timotes wird ein schwarzer Heiliger verehrt. Was fuer uns ungewoehnlich ist, und mich daran erinnert, dass ich auch mal schreiben sollte, dass hier alle Haut und Haarfarben und auch Religionen zu finden sind und es keine spuerbare Diskriminierung aufgrund der Rasse oder Religion gibt.

Die Architektur in den Andern ist voellig anders als auf dem Flachland. Kleine, flache und oft dunkle dafuer leichter heizbare Haueser. Am Freitag, den 1. Juni sind wir dann auf den hoechsten befahrbaren Berg Venezuelas gefahren, den Pico del Aguila, 4118 Meter. Dort werden Condore gezuechtet und die Luft ist duenn. Es ist neblig und kalt. Bei der Abfahrt haben wir die Zucht-Condore besucht, ein trauriger Anblick. Das Maennchen vom Weibchen getrennt, weil sie sich nicht moegen und keine Nachkommen zuechten. Was auch schwierig ist, denn ein Condor Weibchen legt nur alle 2 Jahre ein Ei. Und sie sind ungelenkig, wer weiss, ob das mit dem Sex so richtig klappt. Danach sind wir noch an einem Stern-Observatorium vorbeigekommen.